Stilleben Wandel, Herbst, Fortbildung, Tarfilöhne, muslimehelfen

Veröffentlicht am 22. Oktober 2013 | by Nadya

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Wandel

Am Wochenende war ich mit meiner Mutter im Schwetzinger Schloss. Man kommt von einem Raum in den nächsten. Stoffbehängte Wände, edles Holz und Spielereien; der Fürst liebte als Kind seiner Zeit optische Täuschungen.

Wir zogen so durch das Schloss, sahen uns die Einrichtungen an und stellten uns das Leben damals vor: Die Reichen wussten nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten, langweilten sich, spielten im Garten Blinde Kuh, ließen sich Mehl in die Haare sprühen, wie es die Mode aus Frankreich damals vorsah, parfümierten sich, um nicht zu riechen; denn gewaschen hatten sie sich nicht. Die Damen der Zeit zwängten sich schon als Kinder in ein enges Band, das ihre Taille formen sollte: Schönheitswahn im 18. Jahrhundert.

Die Dienstboten standen vierundzwanzig Stunden auf Abruf. Sie schliefen in ihrer Kleidung, wenn sie austreten mussten, gingen sie hinter die Ställe oder in den Garten. Meine Mutter meinte, die einzig erträgliche Stellung in der Zeit war wohl in der Küche. Man hatte es warm und vom Essen fiel was ab.

Wir haben so viel erreicht. Unser Leben ist einfach geworden. Meine Mutter hat mir von meiner Urgroßmutter erzählt. Damals Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man immer noch keine Badezimmer. Im Hof standen zwei Toiletten für das ganze Haus! Erst später, nach dem Krieg, wurden die Häuser saniert: die ersten Wohnungen mit Badezimmer.

Für uns ist alles so selbstverständlich. Aber unser Komfort ist neu. Fließendes Wasser, eine eigene Wohnung, die Möglichkeit auf Bildung, Weiterbildung, Fortbildung, eine Auswahl an exotischen Obst- und Gemüsesorten, Ärzte jedweder Fachrichtung, Reisefreiheit, öffentliche Verkehrsmittel, Tariflöhne, Krankenversicherungen. Für all das haben Menschen gekämpft. Ihre harte Arbeit trägt die Früchte, die wir essen, ohne nachzudenken. Wäre es nicht einfach nur gerecht, wenn wir uns dafür einsetzen, dass auch all den anderen, die immer noch Tag für Tag schuften und am Abend dennoch nicht genug haben, dass auch all diesen Menschen der gleiche Luxus offensteht, wie uns?

Es ist Herbst. Die Blätter färben sich bunt, es wird kälter und rauer. An düsteren Tagen, wenn der Nebel hochsteigt und nicht weichen will, werden einige depressiv. Es ist jedes Jahr dasselbe und jedes Jahr dasselbe Lied. Die Welt steht im Wandel. Ob sie sich zum Guten wandelt, hängt von unseren Taten ab.

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Über den Autor/en

Nadya

ist Ägyptologin, war im Fundraising und ist jetzt für Projektadministration zuständig, interessiert sich für Menschen und Kulturen, Sprachen und Geschichte. Sie beobachtet gerne ihre Umwelt und versucht das Geschehen um sie herum von einem anderen Standpunkt aus zu sehen.



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