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Veröffentlicht am 30. Mai 2019 | by mh-Redaktion

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Verzicht

Das hat jeder schon einmal gesehen. Ein kleines Kind. Mit einem Arm preßt es alle Spielzeugautos, die es tragen kann, ganz eng an den Körper, mit dem anderen zeigt es auf das letzte Auto, das noch übrig ist, und das der Spielkamerad verwirrt in der Hand hält.
Nahezu verzweifelt schreit unser Kind: „Will…haben…!“ Die Erwachsenen beobachten die Szene. Zunächst ruft sie Belustigung hervor, doch dann greift jemand ein. Das Kind muss lernen, auf etwas zu verzichten, das es haben will.
Und auch das hat jeder schon gesehen. Das selbe Kind beim Essen, in der ausgestreckten Hand sein Stückchen Brot. Eindeutig verlangt es, dass die Mutter abbeißt. Tut sie es nicht, erhebt sich ein Geschrei. Auch den Kopf wegdrehen hilft nichts. Das Kind will die Mutter füttern. Es will geben.

Beide Verhaltensweisen, das Habenwollen und das Gebenwollen bedeuten Verzicht. Im ersten Fall ist das Kind dazu aber nicht bereit. Es muss dazu erzogen werden. Im anderen Fall verzichtet es von sich aus, und jedermann bewundert es dafür. Ein „böses“ und ein „gutes“ Kind …
In Wirklichkeit verhält es sich wohl so: Jeder Mensch, schon das kleine Kind, hat in sich die natürliche Veranlagung zum „Streben nach Mehr“ (Sure 102). Es ist zunächst nur ein Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes, den der Schöpfer in den Menschen hineingelegt hat, um sein Überleben zu sichern. Selbst das Eichhörnchen sammelt ständig Futter und versteckt es hier und dort, obwohl es den kommenden Winter nicht überleben wird. Das Habenwollen gehört zur natürlichen Veranlagung (fitra) des Menschen, aber wie jede andere natürliche Veranlagung läßt der Islam sie in solchen Grenzen wirksam werden, die nicht nur die Verwirklichung des eigentlichen Zwecks erlauben, sondern auch dafür sorgen, dass das Allgemeinwohl berücksichtigt wird. Hierzu muss der Mensch erzogen werden. Er bedarf der Erziehung zum Verzicht.

Im Islam kennt man verschiedene solche Übungen der Erziehung zum Verzicht. Die bekannteste ist Zakat, die Abgabe für die Bedürftigen. Aber auch das Fasten im Ramadan ist eine solche alljährlich wiederkehrende Übung. Der Mensch soll lernen, zu verzichten, und zwar auf die unbeschränkte, d.h. grenzenlose Befriedigung seiner natürlichen Veranlagungen: Ernährung und Fortpflanzung. Als Motiv dafür und Ziel zugleich nennt der Koran die Gottesfurcht: „Ihr, die glauben, das Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vorgeschrieben wurde, die vor euch waren, damit ihr vielleicht gottesfürchtig werdet.“ (2:183)

Allah schreibt uns also das Fasten, das Verzichten, vor. Hier lässt Er uns keine Wahl. Es handelt sich um eine von Ihm angeordnete erzieherische Maßnahme, die uns den Verzicht lehrt und während der wir das Verzichten einüben, jedes Jahr erneut, damit wir nach bestandener Übung in der Lage sind, auch im Alltag „um Allahs willen“ zu verzichten, wo immer es erforderlich ist. Von uns aus, ohne die Anordnung Allahs, würden wir es wohl nicht tun, sondern wie das kleine Kind mehr ansammeln, als wir tragen können und trotzdem mehr verlangen. Nur die Gottesfurcht kann hier Grenzen setzen, die der Mensch anerkennt. Moralischer Appell hilft wenig. Wen erkennt der Mensch denn noch über sich als Autorität an? Wenn überhaupt – dann seinen Schöpfer. Nur dieser kann ihn zum Verzicht bewegen.

Anders war es aber doch bei dem Kind, als es sein Essen teilen wollte. Niemand hat es dazu aufgefordert. Dieser Wunsch ist in ihm – ebenfalls auf ganz natürliche Weise – entstanden. Es handelt sich um das Nachahmen. Ständig wird das Kind von der Mutter versorgt, und irgendwann ist es so weit herangewachsen, dass es nun selbst die Rolle dessen übernehmen will, der nicht mehr haben will, sondern der geben will. Dazu bedarf es keiner besonderen erzieherischen Maßnahme, außer dem Vorbild. Erst viel später wird das Kind vielleicht mit diesem Gebenwollen auch die Dankbarkeit verknüpfen dafür, dass ihm ständig gegeben wurde und gegeben wird. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo es bewußt handelt, von sich aus verzichtet, freiwillig und mit Freude.

Für den Erwachsenen hält der Islam auch hier eine Übung bereit. Durch die zakat, die jedes Jahr fällig wird, gewöhnt sie den Menschen daran, auf etwas zu verzichten, das er haben will. Darüber hinaus aber kennt und pflegt der Muslim die sadaqa – die völlig freiwillige Gabe, aus Dankbarkeit, aus Liebe zu Allah: „Und unter den Leuten gibt es solche, die Götzen statt Allahs annehmen und sie mehr lieben als Allah, aber die Gläubigen sind stärker in der Liebe zu Allah …“ (2:165)

Auch dieses Gebenwollen ist Verzicht, Verzicht „um Allahs willen“, der dem Menschen in Seiner Güte und Barmherzigkeit nicht nur Grenzen gesetzt hat, durch die Er ihn erzieht, sondern der den Menschen ständig mit dem versorgt, was er zum Leben benötigt. Und hieran soll sich der Mensch sein Vorbild nehmen.

Die Zeit des Ramadan ist bald zu Ende gekommen. Es ist die Zeit des Fastens und der Sadaqa. Es ist eine Zeit des Verzichts, einmal durch die Anweisung Allahs, verbunden mit der Gottesfurcht, und einmal durch das Vorbild Allahs, verbunden mit der Gottesliebe.

Gebe Allah, dass es uns gelingt, die Fähigkeit zum Verzicht auch bis zum kommenden Ramadan zu bewahren und anzuwenden.

verfasst von Ahmad von Denffer


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Die Redaktion von muslimehelfen berichtet regelmäßig über die Arbeit von muslimehelfen. Informationen zu den Projekten und Kampagnen, aber auch Wissen & Tun Artikel werden im Namen der mh-Redaktion verfasst.



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