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Veröffentlicht am 15. Juli 2016 | by Soufian

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Die Wertschätzung des Tieres


Wusstest Du, dass es nach den meisten islamischen Gelehrten durchaus zulässig ist, sich als Muslim vegetarisch zu ernähren?

Wenn dies einem zusagt, spricht absolut nichts dagegen. Es ist im wahrsten Sinne eine Geschmacksfrage.

Man darf dabei nur nicht denken, dass der Verzehr von Fleisch haram wäre, denn dieser ist zweifelsohne erlaubt. Sowohl die Entscheidung für eine vegetarische Ernährung als auch für eine herkömmliche Ernährung ist zu respektieren und jedem selbst überlassen. Dennoch ist unser Fleischkonsum eine Überlegung wert, denn bei einer objektiven Betrachtung lässt sich feststellen, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschaft oftmals viel zu viel Fleisch essen.

Der Fleischkonsum ist etwas worüber wir bei jedem Einkauf und bei jeder Mahlzeit nachdenken sollten und sicherlich auch für die meisten von uns problemlos reduzierbar, bis hin zu dem Punkt an dem Fleisch nicht mehr die Regel, sondern die feierliche Ausnahme ist.

Etwas Besonderes. Etwas Wertvolles. Etwas Festliches.

So in etwa wie es das auch für diejenigen ist, an die wir das Kurbanfleisch verteilen.

Das sind Menschen, die in der Regel kein Fleisch, sondern ganz einfache Mahlzeiten zu sich nehmen. Nicht weil sie es sich so ausgesucht haben, sondern weil es das ist was sie haben. Sie sind dennoch zufrieden mit dem bescheidenem Essen, sprechen alhamdulillah und freuen sich umso mehr über diese besondere Gelegenheit am höchsten islamischen Feiertag mit ihren Familien in festlicher Atmosphäre feiern zu können und die Gaben zu genießen! Auch hat unser Prophet Muhammad (ﷺ) nicht oft Fleisch gegessen. Damals haben ohnehin nur wohlhabende Menschen etwa einmal in der Woche Fleisch zu sich genommen. Die Ärmeren fast ausschließlich zu den islamischen Feiertagen. Übrigens: selbst nach christlichen Quellen war Jesus (Frieden sei auf ihm) ebenfalls kein Vegetarier.

Irritierend ist es jedoch, wenn ausgerechnet das Opferfest zum Anlass genommen wird, um auf dem Rücken der Bedürftigen über Fleischkonsum und einen vorgeschobenen Tierschutz zu streiten und dies mit latenter Islam-Hetze garniert wird. Ja, das sind wichtige Themen, aber man muss sie auch im richtigen Kontext diskutieren! Wo sind die vermeintlichen Tierschützer vor dem Opferfest? Wohin verschwinden sie danach? Ist Tierschutz etwa nur erwähnenswert, wenn Muslime Fleisch essen? Wie sieht es bei anderen Religionsgemeinschaften aus? Auch stellt sich die Frage, wie eine solche Kritik von jemandem ernst genommen werden soll, der in der Mittagspause vorher noch ein Schnitzel oder einen Burger gegessen hat, um im Anschluss mit dem Finger auf Muslime zu zeigen?

Scheinbar ist es gesellschaftlich in Ordnung zu Weihnachten eine Gans, zu Ostern ein Lamm und zu Thanksgiving einen Truthahn und zum Oktoberfest eine Schweinshaxe zu essen, aber wehe Muslime feiern mit der gleichen Selbstverständlichkeit und opfern ein Schaf, dass man sogar mit Bedürftigen teilen soll. Das ist für den vorurteilsbehafteten Beobachter ein Unding. Diese zweierlei Maßstäbe überraschen uns jedoch nicht. Dabei sind doch gerade die Feiertage und Traditionen eine Gelegenheit um Respekt oder zumindest Toleranz zu beweisen. Soll doch jeder einfach machen, was er für richtig hält. “Lakum deenukum waliya deen” – Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion (vgl. Koran 109:6).

Unabhängig von der Religion müssen wir nicht erst zu Feiertagen, sondern grundsätzlich über Fleisch diskutieren. Wir müssen über industrielle Massentierhaltung, über hormonelle Behandlung und über die Verabreichung von Antibiotika sprechen. Im richtigen Rahmen auch über die Art und Weise der Tötung. Aber bitte auf sachlicher Ebene und nicht auf Basis von Vorurteilen. Wer sein Fleisch ohne darüber nachzudenken sonst in Plastik abgepackt in einer Styroporschale oder in Bärchenform kauft und seine Kaufentscheidung nur vom billigsten Preis abhängig macht, der hat sich ohnehin für diese Debatte disqualifiziert.

Problematisch bei einer Diskussion über das Schächten ist nämlich, dass viele Kritik ausüben ohne je bei einer fachgerechten Schächtung dabei gewesen zu sein und ohne zu wissen, wie auf einem nicht-muslimischen Schlachthof mit Tieren umgegangen wird. Diese Leute sind fern von jeder Realität und verdrängen wohl, dass für jedes Stück Fleisch auch ein Lebewesen getötet wurde. Gleichzeitig wird die Lebenswirklichkeit in anderen Ländern und die gesamte Menschheitsgeschichte verkannt.

Um noch etwas über die Kurbanprojekte bei muslimehelfen zu erzählen, sei gesagt, dass die Tiere frühzeitig direkt von Bauern aus der Region gekauft werden. Sie bekommen natürliches Futter und werden gepflegt. Auf ihre Gesundheit wird geachtet, sprich diese Tiere werden gut behandelt, denn bereits die Haltung der Tiere und nicht erst die Art der Schlachtung müssen halal sein. So gebietet es der Islam. Bei der Schlachtung selbst werden ebenfalls die islamischen Vorschriften eingehalten, um den psychologischen Stress der Tiere auf das Nötigste zu reduzieren.

Danach wird das Fleisch zerteilt und an Bedürftige verteilt. Diese Menschen wissen den Wert des Fleisches zu schätzen und mit der selben Würdigung sollten wir unser Kurban betrachten.

Unser unverbindlicher Tipp ist es, sofern man selbst keine Möglichkeit zum Opfern hat, seinen Kurban zu spenden und etwas Fleisch für die Feiertage für sich selbst und die Familie zu kaufen. Aber nur so wenig, wie auch tatsächlich gegessen wird. Ein bewusster Einkauf für die zu erwartenden Gäste und nicht für die übervolle Gefriertruhe.

Ausserhalb der Feiertage ist eine überwiegend vegetarische Ernährung empfehlenswert. Sozusagen ein semi-vegetarischer Lebensstil. Und wenn man doch Fleisch kauft, dann bitte mit einem Blick auf die Qualität und die Herkunft, anstelle des Sparpreises.

Wie siehst Du das? Würden uns über Dein Feedback freuen. Kontaktier uns doch und erzähl uns Deinen Standpunkt.

Gerne helfen wir Dir auch dabei Dein Kurban für Bedürftige zu spenden.


Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



Ein Kommentar zu Die Wertschätzung des Tieres

  1. P Günter Rüwald

    Genau so sehe ich das auch. Fleisch aus Massentierhaltung kann nicht halal sein. Tiere dienen dem Menschen als Speise, sind aber auch Geschöpfe Allahs (t) und müssen entsprechend behandelt werden.
    Ich bin übrigens Vegetarier.

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