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Veröffentlicht am 20. Juni 2012 | by Emha

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Nur eine Tagesreise entfernt

Es ist kein alltäglicher Abschied. Meine Frau fährt mich zum Bahnhof. Ich verabschiede mich mit dem Wunsch nach Frieden für sie und die Kinder, steige aus und laufe zum Zug. Ich drehe mich kurz um, und sehe, wie sie mir lange durch die Frontscheibe nachschaut. Auch mir ist ein wenig mulmig zumute, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Es ist Anfang Juni 2011 und ich bin auf dem Weg nach Pakistan. Aus den Medien hört man seit Monaten wöchentlich von Anschlägen, Bomben und kriegsähnlichen Zuständen. „Aber Multan, wo ich inschallah hinfliege, ist ja ruhig und weit weg von den Konfliktherden“, rede ich mir zu. Meine Reise geht zurück auf eine kurze E-Mail, die ich irgendwann Ende 2010 an Bruder Ahmad von Denffer von der mh-Projektabteilung schickte. Ein langjähriger Freund aus Multan, Malik Riaz, hatte zuvor berichtet, dass er zusammen mit einigen Geschwistern eine Initiative gestartet hatte, um den Opfern der großen Flutkatastrophe vom Sommer 2010 zu helfen. Sie verteilten Essenspakete und wollten den am schlimmsten betroffenen Familien beim Wiederaufbau ihrer Behausungen behilflich sein. Zunächst hatte ich noch gezögert, Bruder Ahmad von dieser privaten Initiative zu berichten, da mh bereits in vielen Gegenden der Welt lobenswerte Hilfsprojekte unterstützt. Doch dann dachte ich: ‚Eine kurze Mail schadet nicht, Rizq kommt von Allah.‘ Bruder Ahmad reiste ohnehin nach Pakistan, vereinbarte bei dieser Gelegenheit ein Treffen mit Bruder Malik und plante mit ihm das weitere Vorgehen. Inzwischen sind in den Dörfern Sanawan und Rohilanwali im Bezirk Muzzaffargarh mit der Unterstützung von mh 80 kleine „Häuser“ (jeweils aus einem Raum bestehend) entstanden (mhz berichtete in der Ausgabe 1/2011). 25 weitere stehen inschallah kurz vor der Fertigstellung und 30 weitere wurden angefragt. Aus der anfänglich privaten Initiative entstand dank der Unterstützung von mh die Social Development Organization (SDO) in Multan, die mittlerweile weitere Hilfsprojekte in Angriff genommen hat. Den Vorschlag von mh, nach Multan zu reisen, um den Fortschritt der Baumaßnahmen und weitere Projekte zu inspizieren, nahm ich gerne an.

Am Flughafen in Islamabad spricht mich an einer Warteschlange ein Amerikaner oder Engländer an: „Jetzt beginnt der Spaß“, sagt er. Ich frage: „Welcher Spaß?“ Er meint: „Schlange stehen in Pakistan.“ Auch ihm merkt man seine Nervosität an, mehr noch: Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seit seiner letzten Abreise aus Pakistan habe sich viel ereignet: der OBL-Zwischenfall. Er erzählt, dass er zuvor für die UN in Pakistan gearbeitet habe. Vier Monate werde er sich im Land aufhalten, aber nun arbeite er für eine private Hilfsorganisation, so dass schon alles gut werde…Die diffuse Angst scheint bei den Reisenden weit verbreitet, und zwar unabhängig von ihrem Herkunftsland. Trost und Sicherheit spendet einzig der Gedanke an Allah. ‚Mit der rechten Absicht, ein wenig ‚Kamel anbinden‘ und viel Gottvertrauen‘ wird es schon werden‘, denke ich, ‚alles andere liegt in Allahs Hand.‘

Ein Ritt auf dem Rücken eines Kameles hätte in mir womöglich auch weniger Bedenken hervorgerufen als der kleine Flieger, mit dem ich nach Multan fliegen sollte und den ich nun vor mir sah. Die nächste gute Stunde habe ich das Gefühl, nicht in einem Flugzeug, sondern auf den Wolken zu sitzen. Hinter mir sitzt ein Pakistaner, der mich zwischen den zwei Sitzen misstrauisch beäugt. Irgendwann spricht er mich an: „You American?“ Ich verneine und erwidere, dass ich aus Ägypten komme, womit ich mich auf das Herkunftsland meiner Vorfahren beziehe. Doch das scheint ihn nicht zu beruhigen, denn er fährt fort, mich von hinten misstrauisch zu beäugen.

Knapp 24 Stunden nach dem Abschied von meiner Familie stehe ich vor dem kleinen Flugplatz in Multan und warte auf Malik. Er kommt nicht gleich, und ich werde leicht nervös: ‚Was mache ich, wenn er nicht kommt, wohin gehe ich?‘ Dann kommt er und der Empfang ist herzlich. Endlich am Ziel angekommen, weicht die diffuse Angst zurück und macht der Realität Platz. Ich schaue mich um und sehe geschäftiges Treiben, die Menschen gehen ihrem Leben in aller Normalität nach. In den kommenden Tagen besuche ich u.a. die beiden Dörfer Sanawan und Rohilanwali, wo die ersten 80 Häuser entstanden sind und 25 weitere noch entstehen. Die Häuser machen einen guten, stabilen Eindruck. Sie werden aus gebrannten Ziegeln errichtet und sollten einer eventuellen nächsten Flut inschallah eher standhalten. Die Geschwister von der SDO arbeiten mit Bruder Abdussabur Shahid zusammen, einem Ingenieur, dem es finanziell gut geht. Er hat sich bereit erklärt, die Häuser zum Selbstkostenpreis zu errichten. Ihm selbst geht es finanziell gut; er besitzt mit seinem Bruder eine Fabrik zur Herstellung von Pestiziden. Bruder Abdussabur holt für die Baumaterialien verschiedene Angebote ein und wählt dann das günstigste aus. Das Land, auf dem die Häuser errichtet werden, muss nicht erworben werden, da es den betroffenen Familien bereits gehört. Die Ziegelhäuser werden an den Stellen errichtet, wo zuvor ihre Lehmhütten von den Wassermassen weggeschwemmt wurden.

Während meines Aufenthaltes sehe ich mir das Leben der Menschen in Sanawan näher an und bin erschrocken über die schwierigen Lebensumstände: Kuhfladen, die als Brennmaterial zum Kochen verwendet werden, säumen die Straßen und hängen an den Wänden zum Trocknen. Die Menschen tragen einfache, teils zerrissene Kleidung. Es gibt keinerlei Kanalisation. Das Koch- und Waschwasser wird durch kleine Öffnungen unten an den Lehmwänden der Hütten unkontrolliert auf die Straßen geleitet. Überall auf den Straßen gibt es dunkelgrüne, faulige Wasserlachen. Stromkabel hängen auf Kopfhöhe und werden regelmäßig von spielenden Kindern gestreift. Ein Mann mit freiem Oberkörper spricht uns an und fragt, ob wir auch für ihn ein Haus erbauen könnten. Er zeigt uns den Platz, an dem vorher seine Lehmhütte stand. An der Stelle bedeckt nun eine Plane notdürftig seine wenigen Habseligkeiten. Er selbst schläft mit seinen beiden Söhnen unter freiem Himmel. Nach Prüfung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse, beschließt die SDO dem Mann inschallah in der kommenden Bauphase ein Haus zu bauen.

„Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen – gehen wir zu den Kindern“

Nachdem ich auch die abgeschlossenen und laufenden Hausbauprojekte in Rohilanwali besichtige, inspizieren wir ein zweites Projekt, das SDO mit Unterstützung von mh gestartet hat, das „Mobile School Project“. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, arbeitende Kinder zu unterrichten. Offiziell ist Kinderarbeit in Pakistan verboten. Die Realität sieht so aus, dass viele Familien ihre Kinder zur Arbeit statt in die Schule schicken, da sie auf ihren Zusatzverdienst angewiesen sind. Dabei verdient ein arbeitendes Kind nach Angaben von Bruder Malik nur 1,20–1,70 Euro/Woche. SDO hat einen Kleinbus, Stühle, Tische und Lehrmaterial gekauft. Es wurden ein Fahrer und einige Lehrer und Lehrerinnen engagiert, die jeden Tag zu sechs verschiedenen Workshops fahren, wie sie die Arbeitsstätten der Kinder nennen. Die Workshops sind oftmals Autowerkstätten, in denen die Kinder hart arbeiten. In den sechs verschiedenen Workshops werden Kinder aus 15 Workshops unterrichtet, insgesamt ca. 108 Kinder. Der Bus ist täglich von 8.00 Uhr bis ca. 15.00 Uhr unterwegs. Die Kinder werden v.a. in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Aber auch die Grundlagen ethisch-islamischer Verhaltensweisen werden ihnen vermittelt. Eine der Lehrerinnen erzählt mir später, dass viele der Kinder nicht einmal die „Kalima“, das Glaubensbekenntnis kennen würden.

In einem der Workshops treffen wir Bruder Arslan, der 17 Jahre in Kanada und 7 Jahre in Zypern gelebt und als Ingenieur gearbeitet hat. Es geht ihm offenbar gut. Als wir ihm von dem Projekt erzählen, erklärt er sich spontan bereit, den großen Hof seines Hauses als Unterrichtsstätte für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stellen, die in der Nachbarschaft in Haushalten arbeiten. Mittlerweile werden dort 17 Kinder unterrichtet. Das Mobile School Project ist Malik eine Herzensangelegenheit. Er erzählt mir von den traurigen Augen der arbeitenden Kinder, als sie sahen, wie ihre Altersgenossen in die Schule gingen. Deshalb wollte er die Schule zu ihnen bringen. Die Kinder seien sehr strebsam und wissbegierig. Auch wolle er die Kinder von der Straße wegholen. Die Kinder liefen sonst u.a. Gefahr, in die Fänge zwielichtiger Gestalten zu geraten, die sie nachher als lebende Bomben missbrauchen könnten. Das Mobile School Project ist zunächst auf ein Jahr angelegt. Malik macht bereits Pläne, um nach diesem Jahr die besten und strebsamsten Schüler weiter zu fördern.

Die Reise neigt sich dem Ende zu und ich mache mich bereit zur Abreise. Eine Woche nach dem ersten Abschied von meiner Familie lande ich wieder in Frankfurt. Je näher ich nach Hause komme, desto mehr nehme ich Abschied von den Eindrücken der vergangenen Tage. Einzig die Magenschmerzen der nächsten 7-10 Tage wecken schmerzhafte Erinnerungen an die vergangene Reise. Doch bald schon wird mich der Alltag wiederhaben. Ein voller Kühlschrank, unzerrissene Kleider am Körper und alhamdulillah gesunde Kinder werden bald wieder als selbstverständlich und normal erscheinen. Dabei sieht es nur eine Tagesreise entfernt ganz anders aus.

von Abu Yunus

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Über den Autor/en

Emha

Geboren 1985, als Schwester Emha spickt sie ihren Kollegen über die Schulter, erklärt Kompliziertes und Aktuelles aus dem Büroleben und wenn Unterhaltung ansteht, dann ist Emha ganz vorne mit dabei.



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