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Veröffentlicht am 12. Februar 2019 | by mh-Redaktion

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SULAWESI 2018

Mehr als 2000 Kilometer östlich von Jakarta befindet sich ungefähr in der Mitte des indonesischen Archipels die Insel Sulawesi. Am Ende einer gut 50 Kilometer langen Meeresbucht liegt die Stadt Palu mit etwa 400 000 Einwohnern. Dort kam es am 28. September 2018 zu einem schweren Erdbeben von 7,5 auf der Richter-Skala.

Es hielt etwa fünf Minuten lang an und löste auch einen Tsunami mit einer bis zu 9 Meter hohen Flutwelle aus. Man spricht von mehr als 2200 Toten und 5000 Vermissten, doch die genauen Zahlen sind bis heute nicht bekannt. Das liegt vor allem daran, dass es in Palu durch das Erdbeben ausgelöste sogenannte Bodenverflüssigungen gab. Dabei versanken sprichwörtlich große Flächen unter der Erde und wurden zugeschüttet, mitsamt Bebauung und Menschen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Eines dieser Gebiete ist der Bezirk Balaroa, unmittelbar im Stadtgebiet von Palu. Ein Gelände von 50 Hektar ist um mehr als 20 Meter abgesunken und liegt da wie umgepflügt. Es ist kaum vorstellbar: Unter dem Erdboden sollen etwa 800 Häuser teils mit ihren Bewohnern versunken sein. Allein hier wird von 300 Vermissten ausgegangen. Was mögen die Menschen denken, deren Häuser jetzt an der Abbruchkante stehen, während von der Nachbarschaft nichts übrig geblieben ist? Mir kommt die Koranpassage in den Sinn, die von Qarun aus dem Volk des Moses berichtet:

„Qarun war ja vom Volk Musas, und er tat ihnen Gewalt an … Also haben Wir ihn mit seiner Heimstätte in der Erde versinken lassen …“ (Sure 28:76-82)

Indonesien: Balaroa ist in der Erde versunken.

Lolu ist ein Teil des Bezirks Sigi in Palu. Hier sind 400 Familien in ordentlich aussehenden Notunterkünften untergebracht, die von der Regierung errichtet wurden. Ausländische Helfer sind nicht zu sehen. Die Regierung hat schon sehr bald darauf verzichtet, sie vor Or t tätig werden zu lassen. Es ist schwer, als Außenstehender zu beurteilen, ob das verfrüht geschah. Richtig ist allerdings, dass ausländische Helfer oft mehr Schwierigkeiten machen als Nutzen bringen. „muslimehelfen“ ist in der erfreulichen Lage, seit Jahren so organisiert zu sein, dass Hilfe immer mit einheimischen Par tnern geleistet wird.

Zur Versorgung der Menschen in Lolu gibt es eine mit Mitteln von „muslimehelfen“ betriebene „dapur umum“, eine öffentliche Küche, und eine als „Mobile Gesundheitsfürsorge“ bezeichnete medizinische Betreuung. Ein Ärzteteam, zwei Frauen und ein Mann, ist abwechselnd an verschiedenen Orten tätig, darunter einmal pro Woche hier in Lolu.

Indonesien: Ärztliche Betreuung und warme Mahlzeiten in Lolu.

Zwei ältere Männer sprechen mich an, Fadlillah, ein pensionierter Lehrer, und Agus, ein ehemaliger Beamter, auch im Ruhestand. Sie berichten von der großen Sorge der Menschen in den Notunterkünften. Die meisten von ihnen seien Kleinbauern und hätten von den angebauten Feldfrüchten gelebt. Ihre Felder seien durch einen Kanal mit Wasser versorgt worden, das aus einem Reservoir in den sehr weit entfernten Bergen kommt. Die Regierung habe nun den Kanal gesperrt, und zwar für die nächsten drei Jahre, weil er durch ein von der Bodenverflüssigung betroffenes Gebiet führt. Eine andere Wasserversorgung gäbe es aber nicht, und nun wisse niemand, wie die Feldarbeit vonstattengehen solle und die Familien sich ernähren könnten.

Die beiden Männer fragen, ob man den Bauern nicht Wasserpumpen zur Verfügung stellen könne, wenn sie auf ihren Feldern Brunnen graben. Etwa 100 Pumpen würden benötigt. Ich will wissen, ob es schon eine Besprechung mit der zuständigen Wasserbehörde gegeben habe. Das sei nicht nötig, heißt es, hier dürfe jeder auf eigenem Grund nach Wasser graben. Ich meine, dann werde die Wasserbehörde wohl im Einzelfall keine Einwände haben, doch bleibe mir unklar, ob das auch gelte, wenn nun in einer Gegend gleich 100 Pumpen Wasser aus dem Boden entnehmen. Fadlillah und Agus stimmen zu und wollen, wie sie sagen, einen ordentlichen Plan entwickeln …

Indonesien: Sammellager der durch Tsunami Obdachlosen in Pantoloan.

Pantoloan liegt am östlichen Rand der Bucht, 30 km von Palu entfernt. Diesen und andere vorgelager te Küstenorte traf der Tsunami zuerst, und hier kam auf Grund der zerstörten Verkehrswege die Hilfe zuletzt an.

Herr Tamsie ist 47 Jahre alt und wohnt mit seiner Familie auf einem vom Meer entfernten Grundstück in einem unzerstörten Haus. Er ist kein reicher Mann. Häuser wie das seine sieht man immer wieder, sie sind wegen des vernachlässigten Zustands manchmal von Notunterkünften nur schwer zu unterscheiden. Aber alhamdulillah, die Familie hat ein festes Dach über den Köpfen und ihr Zuhause behalten. Auf ihrem Grundstück hat Herr Tamsie bereitwillig einen Platz zur Einrichtung der „dapur umum – Öffentliche Küche“ zur Verfügung gestellt. Gleich neben und hinter seinem Haus befindet sich eines der Sammellager, in das sich durch den Tsunami obdachlos gewordene Menschen geflüchtet haben.

Hier hausen etwa 214 Familien mit insgesamt 171 Kindern nun schon seit bald drei Monaten unter Plastik- planen. Das Hauptproblem ist aber nicht etwa die Schulsituation der Kinder. Sie gehen mittlerweile wie früher in die öffentliche Schule, die 1,5 km entfernt liegt. Vielmehr fehlt es noch immer an einer gesicherten Lebensmittelversorgung. Die von „muslimehelfen“ finanzierte Hilfe hat durch „öffentliche Küchen“ mehrere Sammellager mit warmen Mahlzeiten versorgen können, darunter auch das hiesige. Aber das für eine dreimonatige Notphase vorgesehene Projekt geht nun bald zu Ende. Herr Tamsie drängt nicht. Er sagt nur: „Es gibt viele Probleme hier, vor allem beim Wasser und den Toiletten. Anfangs hatte eine Hilfsorganisation eine kleine Sickergrube gebaut, aber sie wurde nie abgepumpt und ist längst übergelaufen. Seither gehen die Leute zum Fluss, der ist zugleich ihre Toilette und ihre Waschmöglichkeit. Aber das Hauptproblem sind Lebensmittel. Das kommt bevor wir von anderen Dingen reden wie Unterkunft oder Toiletten. Die Leute haben keine Einkommen mehr und sorgen sich um das tägliche Essen. Sie wissen nicht, ob sie morgen etwas zu essen haben werden. Ich möchte sie beruhigen können …“

Indonesien: Eine kleine Freude für Kinder im Sammellager von Pantaloan.

Auch im Sammellager von Pantoloan gibt es eine „Mobile Gesundheitsfürsorge“. Sie findet unter einem mit Planen abgedeckten Holzgerüst statt. Auf dem Weg dorthin zieht einer unserer ehrenamtlichen Helfer eine kleine Luftpumpe aus seiner Tragetasche und bläst damit einen Luftballon auf. In Windeseile kommen von allen Seiten Kinder gelaufen. Es sind genügend Luftballons da, jedes Kind bekommt einen. Die Kinder folgen uns, und bald sind im Schatten der Planen mehr Kinder als Patienten. Sie sind begeistert und führen stolz vor, was sie alles mit den Luftballons anstellen können. Manche balancieren den Stab mit dem Ballon auf dem ausgestreckten Zeigefinger oder der Handfläche, andere werfen die Ballons nach oben, um sie wieder aufzufangen. Zur Seite gestoßen kann man dem Ballon nachlaufen und ihn zu fassen versuchen, bevor er den Boden berührt. Dass „muslimehelfen“ auf den grünen Luftballons steht, hat für die Kinder keinerlei Bedeutung. Doch vielleicht freuen sich die Spender, wenn sie die Bilder sehen, haben die Partner wohl gedacht. In jedem Fall aber wurde den Kindern eine unübersehbare Freude bereitet, die sie das Elend, in dem sie leben müssen, zumindest für eine kurze Weile hat völlig vergessen lassen …

Am Flussufer, das ein paar Minuten zu Fuß entfernt liegt, steigt gerade ein Junge auf ein Motorrad. Mit der einen Hand hält er den Lenker, in der anderen Hand hat er eine Wasserschüssel mit Stiel, wie man sie zum Schöpfen benutzt. „As-salamu alaikum – wa alaikum salam – Wie heißt Du denn? – Jusuf! – Ein schöner Name alhamdulillah, und wie alt bist Du? – Ich bin zehn Jahre alt – Maschallah, Du bist schon ein großer Junge, und wohin willst Du jetzt? – Ich habe gerade gebadet. Jetzt will ich zur Moschee zum Freitagsgebet.“ Die Schöpfschüssel wird unter dem Sitz verstaut, und dann braust Jusuf los zurück ins Lager …

Auch wir machen uns auf den Weg. Die Hauptmoschee liegt nahe am Meer. Die Tsunamiwellen haben unmittelbar vor ihr Halt gemacht, sie ist unbeschädigt, während alle davor liegenden Häuser weggespült wurden. Man sieht nur noch die betonierten Bodenplatten. Die Freitagsansprache geht nach meiner Vorstellung an den Versammelten vorbei. Der Imam spricht vom Niedergang des osmanischen Reiches und davon, dass Indonesien als das Land mit den meisten Muslimen längst das neue Kalifat sein sollte. Besonders die Jugendlichen sind offensichtlich davon nicht angesprochen und warten unruhig darauf, dass endlich das Gebet beginnt. Später erfahre ich, dass der Imam ein Besucher aus Bandung war, dem man als Gast die Freundlichkeit erwiesen hatte, das Freitagsgebet leiten zu dürfen …

Indonesien: Alle Häuser wurden vom Tsunami weggespült.

Frau Hijrani, eine Mittvierzigerin, ist verheiratet und hat drei Kinder, die schon groß sind. Sie wohnte an der Küste, floh vor dem Tsunami auf höher gelegenes Gebiet, verbrachte fünf Tage im Wald und lebt nun mit ihrer Familie hier im Lager. Sie leitet die Küchenmannschaft, die indes nicht aus Männern, sondern aus Frauen besteht, die wie sie aus dem Lager kommen. Alle sind ehrenamtlich tätig, beginnen gegen 6 Uhr morgens mit den Vorbereitungen und haben bis Mittag etwa 500 Mahlzeiten zubereitet, die teils in Essenspaketen oder in kleinen Behältern ausgegeben werden, sofern die Empfänger solche mitbringen können. Reis gibt es jedesmal, dazu heute etwas Gemüse, ein makkaroniähnliches Nudelgericht und eine Suppe. Ein kleiner Junge zieht seine Mutter an der Hand und weint. Sie und andere in der Schlange vor der „Öffentlichen Küche“ trösten ihn: „Gleich gibt es das Essen!“ Aber der Junge weint weiter, er hat Hunger. Für die allermeisten, die hier anstehen, ist es die einzige Mahlzeit am Tag … Eine dritte „Öffentliche Küche“ wird in Tondo, einem Stadtteil von Palu betrieben. Auf dem Boden sind 50-Kilo- Säcke mit Reis gestapelt. Pro Tag, sagt man mir, wird ein solcher Sack verbraucht. Auf Holzfeuern stehen zwei sehr große Töpfe, in denen Reis kocht. Der Gaskocher wird nur für das Zubereiten der Beilagen verwendet. In einem weiteren überdachten Raum portionieren ein paar junge freiwillige Helfer die Mahlzeiten. Waren es anfangs über 200 Familien, die dort ihr Essen bekamen, sind es nun nur noch etwa 200 Personen. Manche haben inzwischen andernorts eine Bleibe gefunden. Langsam scheint also die Lage besser zu werden … In Indonesien wird gern und viel gelacht, auch unter manchen Umständen, die vielleicht nicht jedermann nachvollziehen kann. Der Bürgermeister von Palu, so wird mir berichtet, habe seit ein paar Jahren die Wiederbelebung einer alten, vorislamischen Tradition vorangetrieben. Dabei handelte es sich um eine Feier mit verschiedenen Ritualen. Zu diesen gehörte es auch, dass Frauen am Strand mit Speerstichen Schweine töteten. Das Fleisch warf man als Opfergabe ins Meer. Der alte Brauch wurde nun zum Bestandteil des alljährlichen Festivals „Palu Nomoni“ gemacht, allerdings nicht mit Schweinen, sondern mit Ziegen. Schon 2016 habe es ein Erdbeben gegeben, und im vergangenen Jahr habe ein starker Sturm Palu heimgesucht. Doch der Bürgermeister ließ auch dieses Jahr wieder das Fest veranstalten. Es wurde am 28. September eröffnet. Da folgte das Erdbeben. Die am Strand feiernden Menschen wurden vom Tsunami überrascht und kamen um. Ausgerechnet der Bürgermeister aber hat überlebt, denn, so wird mir mit Lachen gesagt, er war zu diesem Zeitpunkt nicht am Strand, sondern für das Abendgebet in die Moschee gegangen …

verfasst von Ahmad von Denffer


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Die Redaktion von muslimehelfen berichtet regelmäßig über die Arbeit von muslimehelfen. Informationen zu den Projekten und Kampagnen, aber auch Wissen & Tun Artikel werden im Namen der mh-Redaktion verfasst.



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