Stilleben

Veröffentlicht am 20. August 2015 | by Soufian

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Sind wir gerecht?

Vor einiger Zeit schrieb Bruder Ahmad aus unserem Team einen äußerst prägnanten Beitrag über die Bedeutung der Gerechtigkeit. Er ging auf die Wortbedeutung auf deutsch und auf arabisch ein. Letztlich umschrieb er den Begriff zusammenfassend mit Ausgewogenheit, Gleichgewicht, Balance und etwas in Ordnung zu bringen. Etwas in der Gesellschaft ausgleichen, was sonst nicht gerecht wäre. Zumindest was die Grundbedürfnisse angeht. Darüber hinaus kann sich natürlich jeder entwickeln, aber eine gewisse Grundversorgung muss gedeckt sein. Dafür wird u.a. die Zakat eingesetzt, aber dieses Prinzip der Gerechtigkeit gilt nicht nur bei der “Armensteuer”, sondern generell.

Dies ist jedoch leichter gesagt als getan. Gerechtigkeit, Zakat, Ordnung, BalanceMit der bloßen Aussage sich bei der Verteilung um Gerechtigkeit zu bemühen, ist es nicht getan. So muss jeder für sich persönlich darüber nachdenken, was in seinem Handlungsbereich und seiner Verantwortungssphäre konkret Gerechtigkeit bedeutet und wie dies umzusetzen ist.

Nehmen wir als Beispiel eine Mutter mit zwei Kindern. Sie will bei der Erziehung keines bevorzugen. Sie will nicht ungerecht sein. So kleidet sie beide Kinder ein, macht für beide Nachtisch, lobt beide Kinder für die gleichen Verhaltensweisen und bietet den Kindern die selben Möglichkeiten um sich weiter zu entwickeln. Klar hat jedes Kind seine eigenen Bedürfnisse, einen eigenen Charakter und unterschiedliche Vorlieben, aber bei den grundlegenden Dingen und insbesondere beim Ausdruck der Liebe ist Balance der Schlüssel. Wie diese Balance nun im Detail auszusehen hat, ist die eigentliche Herausforderung.

Bei unseren Hilfsprojekten haben wir nun mit 30 Jahren Erfahrung immer weiter und weiter an unserem Verständnis von Gerechtigkeit gefeilt. So stehen wir immer wieder vor der Aufgabe mit begrenzten Mitteln möglichst vielen Bedürftigen an zahlreichen Standorten in gerechter Weise zu helfen. Dieses Streben nach Gerechtigkeit ist für uns auch einer der Gründe, warum wir ausser bei Notfällen, wie beispielsweise derzeit bei der Flutkatastrophe in Myanmar, gegen länderspezifische Spenden sind. Lass mich Dir die sonst dadurch entstehende Ungerechtigkeit anhand einer kritischen Frage veranschaulichen:


Welches Waisenkind ist mehr wert?

Ein Waisenkind aus Syrien.
Ein Waisenkind aus Burundi.
Keins, denn jedes Leben ist gleichwertig.


Worauf will ich mit so einer Frage hinaus? Wir sammeln keine Spenden direkt für dieses oder jenes Land, sondern wir sammeln Spenden für den jeweiligen Zweck wie in diesem Fall für Waisen. Das Geld verteilen wir dann auf alle unserer Hilfsprojekte dieser Art und zwar möglichst gleichmäßig. Zum Einen ist diese Vorgehensweise bei der Verteilung der einzelnen Spende ein Resultat unseres Gleichheitsgrundsatzes.

Zum Anderen ist im größeren Maßstab gedacht auch eine gleichmäßige Verteilung auf alle Länder zu beachten. So gibt es einige Länder, die vorübergehend medial oder politisch, zumindest unter Muslimen, viel Aufmerksamkeit bekommen und andere Länder, die dabei zu kurz kommen. Das versuchen wir auszugleichen. Wir helfen auch an Orten, die Du kaum in den Nachrichten oder in dramatischen Facebook-Beiträgen gesehen hast. Das heißt aber nicht, dass die Hilfe in medial bekannten Orten verkehrt wäre, nein. Jede geleistete Hilfe ist gut. Bitte nicht missverstehen. Nur dürfen wir dabei nicht die Notleidenden und Armen in “politisch weniger interessanten” Orten vergessen. So werden wir auch bei den anstehenden Kurban-Projekten die Spenden auf alle Länder verteilen, in denen es uns möglich ist diese zu realisieren. Auch dürfen wir die verschiedenen Länder nicht gegeneinander ausspielen und ein Land über ein anderes Land stellen, schließlich sind wir alle Geschwister. Wirklich wichtig ist das in der Summe den bedürftigen Menschen gerecht geholfen wird und nicht an welchem Ort. Überspitzt ausgedrückt finde ich persönlich ein solches Gedankengut sogar in gewisser Weise rassistisch.

Möge Allah, al-ʿAdl, der wahrhaft Gerechte, unsere Herzen vor rassistischen und diskriminierenden Denkweisen bewahren!

flut_myanmar

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Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



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