Stilleben Somalia, Syrien, Assad, Government Shutdown, muslimehelfen

Veröffentlicht am 5. Oktober 2013 | by Nadya

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Shutdown – Ein Meer voller Leichen

Vor meinem Fenster schütteln die Wolken ihre Last ab. Es tut gut, den Regen zu hören. Es ist so vertraut.

Die, die es gesehen haben, sprechen von einem Meer voller Leichen. In völlig überfüllten Booten sind sie übers Mittelmeer geflohen. Und wie viele von ihnen in ihr Verderben? Die Zahlen der Ertrunkenen werden nach oben korrigiert. Am Ende seines Lebens nur eine Zahl zu sein, ist es das, was wir aus Menschen machen? Es ist natürlich einfacher, 94 zu sagen, als 94 Namen aufzuzählen. Ich möchte nicht nur Teil einer Zahl sein, wenn ich sterbe. Ich möchte auch nicht ertrinken.

Wir verbringen unsere Zeit mit so viel Unnützem. Aber für Menschlichkeit bleibt keine. Ein Text würde zu lang mit 94 Namen, jede Sendung überzogen und das Radio würden wir abschalten. Vielleicht weil mit jedem Detail, das wir lernen, der Tod bekannter wird. Er rückt näher an uns heran, bis er nicht mehr anonym ist.

Im Fernsehen betäuben wir unsere Wahrnehmung mit Sendungen über das Leben von Menschen, das es nicht gibt. Anstatt dass wir uns um die kümmern, die echte Probleme haben: wie nichts zu essen, Sorgen, weil sie nicht wissen, was aus ihren Kindern wird. Nicht weil die Kinder Drogen nehmen oder vor Langeweile rauchen, sondern weil sie keine Perspektiven haben.

Es ist schwer um eine Zahl zu trauern. 94 Menschen sind gestorben. Punkt. Das klingt wie: Ab morgen wird es eine Woche lang regnen. Lange Gesichter, für mehr reicht es nicht. Auf facebook wären es nicht mal 94 Likes. Ein paar traurige Smileys vielleicht, das war’s.

Sind wir überfordert? Zum x-ten Mal hören wir, dass man in Somalia und Eritrea nicht leben kann. Wo lag Somalia noch mal?
In den USA singen sie gegen die Armut. Hörst du die Armen und Hungernden jubeln? Ich weiß nicht, was Alicia Keys gesungen hat, oder Stevie Wonder. Die Armen und Hungernden auch nicht, oder die 94, die im Mittelmeer vor Lampedusa ertrunken sind.

In den Nachrichten kehrt der Alltag wieder ein: Government Shutdown. Die USA sind pleite. Der Staat ruht, weil viele aus dem öffentlichen Dienst jetzt im Zwangsurlaub sind. Die Republikaner sind nämlich gegen das neue Gesundheitssystem. Kurz davor haben sich die USA mit Russland und anderen Ländern darüber geeinigt, dass Assad sein Volk nicht hätte vergasen dürfen. Chemiewaffen sind unfair. Dem syrischen Volk ist das egal. Den Somalis auch. Vor allem denen, die gestorben sind, ohne dass es uns aufgefallen wäre. Ein Meer voller Leichen – da steckt mehr dahinter.

Es regnet immer noch. Hier und da rauscht ein Auto vorbei oder bimmelt eine Bahn. Schönes Wochenende.

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Über den Autor/en

Nadya

ist Ägyptologin, war im Fundraising und ist jetzt für Projektadministration zuständig, interessiert sich für Menschen und Kulturen, Sprachen und Geschichte. Sie beobachtet gerne ihre Umwelt und versucht das Geschehen um sie herum von einem anderen Standpunkt aus zu sehen.



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