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Veröffentlicht am 16. November 2015 | by Soufian

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Das Sakrileg der Profilbilder


Ob nun die Hand von R4BIA, das goldene ن auf schwarzem Grund, Regenbogenfarben, die zahlreichen JeSuis-Dieses-und-Jenes, ein in palästinensischen Nationalfarben gefärbtes Gesicht, dem eine Hand über den Mund gehalten wird oder aktuell die Einfärbung von Profilbildern in der französischen Tricolore, sie alle haben objektiv betrachtet eins gemeinsam: sie nehmen in den sozialen Medien eine besondere Stellung ein.

Dies ist auch nachvollziehbar. So ist ein Profilbild stets etwas sehr persönliches. Etwas mit dem man sich identifiziert. In gewisser Weise sogar sakrales.

Auch technisch betrachtet, werden Profilbilder einer Person sehr häufig und markant angezeigt. Wenn dann noch mehrere das gleiche Bild nutzen, muss man sich zwangsläufig inhaltlich damit auseinander setzen. Weiterhin wird die Änderung eines Profilbilds insbesondere in facebook nahezu glorifiziert und ist in seiner Beitragsreichweite kaum zu toppen. Der gesamte Freundeskreis und die virtuelle Gefolgschaft wird darüber informiert und entscheidet in Millisekunden darüber, ob der Auswahl des neuen Profilbilds zugestimmt, sie ignoriert oder diese gar abgestraft wird.

Liken, weiterscrollen oder kommentieren.profilbild_geändert

Die individuellen Beweggründe und Reaktionen sind dabei sehr unterschiedlich.

So besteht die Motivation dahinter oftmals aus Anteilnahme und Trauer, aber auch Protest und Solidarität will damit visualisiert und nach aussen getragen werden. Völlig losgelöst vom eigentlichen Statement des Profilbilds können, aber auch Gruppenzwang, Selbstdarstellung, Frustration, Wut und Hass sowohl Gründe dafür, als auch dagegen sein.

Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Einfärbung des Profilbilds mit der französischen Nationalflagge unter die Lupe. Nun sind in Paris viele Menschen durch Anschläge umgekommen und verletzt worden. Dies ist zweifelsohne bitter. Daraufhin bot facebook (abgesehen vom damaligen Regenbogenmuster) erstmals selbst die Möglichkeit mit wenigen Klicks das eigene Profilbild einzufärben und dabei das vorherige Profilbild durch Transparenz zu erhalten. Diese Option gab es in dieser Form bei vorherigen Anschlägen nicht. Keiner muss dafür Ahnung von Bildbearbeitung haben, oder erst ein Bild kopieren, sondern man bestätigt im Grunde nur noch die vorgefertigte Aussage von facebook, dass es eine gute Idee wäre sein Bild entsprechend einzufärben. Dies ist verständlich, weil jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch, diese Anschläge verurteilt. Dazu kommt auch die Neugier an dieser Art der emotionalen Solidaritätsbekundung per Knopfdruck. Und zack hat man den Salat und es entsteht eine Kettenreaktion.

Davon motiviert wollen auch die Freunde zeigen, dass sie nicht auf Seiten der Terroristen stehen. Mann ist ja schließlich entweder Terrorist oder Franzose, oder? (← Vorsicht: Sarkasmus.)

Wer nun denkt, dies wäre keine große Sache, der kennt nicht die Eigendynamik von facebook. Insbesondere wenn es um Themen mit Islambezug oder Politik geht.

#prayfortheworld#opinionPS: pls do understand that this piece is only against the almost unequal treatment of the world media on every terrorism act

Posted by Leemarej on Samstag, 14. November 2015

 

So argumentieren einige, dass es ja ungerecht sei, da man sein Profilbild nicht auch für andere Ereignisse geändert habe. Zum Beispiel nur wenige Tage vorher bei den Anschlägen in Beirut. Wobei anzumerken ist, dass es die Möglichkeit der Einfärbung beispielsweise mit der libanesischen Flagge seitens facebook nicht gab. Andere wiederum verweisen auf die katastrophalen Zustände in Syrien oder gar Palästina und insbesondere auf Gaza. Das mag ja sein, aber es handelt sich lediglich um ein Profilbild. Hallo? Ein Profilbild! Bei allem Respekt, ein Profilbild alleine hilft kaum jemandem. Teilweise wird so getan, als wäre es unterlassene Hilfeleistung, wenn man für ein Ereignis nicht das passende Profilbild einstellt. Da kann ich auch die ganzen Jokes im Internet gut verstehen.

Im Trugschluss wird unterstellt, man würde damit jegliche andere Solidarität ausschließen.

Dabei ist es gar nicht das Ziel mit einem Profilbild ein Problem zu lösen. Es ist ein simpler und rein symbolischer Akt, der jedem selbst überlassen ist. Mach es oder lass es. Tu was Du für richtig und angebracht hältst, aber projeiziere nicht Deine Vorstellung der Bedeutung dessen auf andere.

  • Für den einen bedeutet die französische Flagge nämlich tiefstes Beileid für die Verstorbenen, eine deutliche Verurteilung vom Missbrauch unserer Religion oder auch einfach eine kleine Geste ohne weitreichende Bedeutung.
  • Für andere hingegen steckt in der französischen Flagge die hässliche Seite der Politik von François Hollande, die gesamte vergangene Kolonialgeschichte und die kaltblütigen Angriffe auf die Zivilbevölkerung Syriens.

Egal wie Du Dich entscheidest, lass anderen die selbe Entscheidung und mach kein Drama aus einem Profilbild. So hat jeder eine andere Wahrnehmung dessen.

Ich persönlich kann beide Seiten gut verstehen. Ich kann verstehen, warum jemand die französische Flagge einstellt und warum es jemand nicht macht.

Als muslimehelfen haben wir unser Profilbild nicht geändert, da für uns das Land in dem ein Anschlag stattgefunden hat nicht erheblich ist, sondern wir verabscheuen solche Gräueltaten unabhängig vom Ort. So wie wir auch in unserer humanitären Hilfe nie einen besonderen Fokus auf länderspezifische Hilfen gesetzt haben. Wir helfen überall, wo wir helfen können.

  • Wer beispielsweise für Waisen spendet, der hilft damit Waisen, egal wo sie leben. Denn jedes Menschenleben ist gleichwertig.
  • Wer für die anstehende Winterhilfe spendet, der hilft an allen Orten, an denen wir Winterhilfe umsetzen können.
  • Wer für die Nothilfe spendet, der hilft damit überall, wo Katastrophen ausbrechen.

Wir nennen zwar auch die Projektländer auf www.muslimehelfen.org, aber lediglich zur Information.

Nie als Ausschluss. Keiner sollte seine Hilfsbereitschaft, sein Mitgefühl und seine Menschlichkeit von einer nationalen Zugehörigkeit abhängig machen.

So sind der Islam, der Koran und Muhammad (ﷺ) eine Barmherzigkeit für die gesamte Menschheit. Die Grenzen bestehen ohnehin nur in unseren Köpfen. Und wer damit argumentiert, dass andere sich nicht für bestimmte Länder interessieren, der soll es besser machen als sie.

وَلَا تَسْتَوِي الْحَسَنَةُ وَلَا السَّيِّئَةُ ۚ ادْفَعْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ فَإِذَا الَّذِي بَيْنَكَ وَبَيْنَهُ عَدَاوَةٌ كَأَنَّهُ وَلِيٌّ حَمِيمٌ

„Nicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, die schlechte Tat ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund. 
„Hem iyilik de bir degildir, kötülük de. Kötülügü en güzel bir sekilde sav. O zaman seninle kendi arasinda bir düsmanlik olan kisinin, sanki samimi bir dost gibi oldugunu görürsün.

(41:34)

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Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



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