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Veröffentlicht am 6. Juli 2018 | by Nadya

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Karnataka/Indien: In Hyderabad haben Rohingya-Familien Hammelfleisch erhalten.

Ein Opfer zum Fest – Kurban in Indien

Ein Opfer zum Fest – Kurban in Indien

Noch hinkt sie hinter China her, die Republik Indien. Doch Schätzungen der UN zufolge wird Asien in etwa zehn Jahren einen Wechsel erfahren und Indien wird China als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Zumindest, wenn seine Bevölkerung im gleichen Tempo weiterwächst wie bisher. Derzeit sind es noch etwas über 1,35 Milliarden Inder im Vergleich zu 1,41 Milliarden Chinesen – weit abgeschieden folgen erst die USA mit über 326 Millionen Einwohnern und dann der Rest der Weltbevölkerung.

Die indischen Städte wachsen. Die ländliche Bevölkerung zieht fort – Landflucht hat viele Gründe. Fast ein Drittel aller in der Landwirtschaft beschäftigten Haushalte besitzen kein Land. Sie müssen sich oft durch Nebenbeschäftigungen und andere Dienste etwas dazuverdienen. Das meiste Land teilen sich wenige Grundbesitzer. Viele kleine Bauern bearbeiten zwar ihre eigene kleine Parzelle, aber die Erträge sind kaum ausreichend, um ihren Grundbedarf zu decken. Außerdem bieten die ländlichen Gebiete insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sind schwieriger zu erreichen und oft nicht gut ausgestattet. In den Städten ist das anders. Trotzdem geht es den meisten nach ihrem Umzug kaum besser. Wer es in die Städte und großen Metropolen geschafft hat, wird nicht selten zu einem von so vielen, denen es am Nötigsten mangelt. Die Hälfte aller indischen Haushalte hat keine sanitären Anlagen zu Hause, sondern ist auf öffentliche Latrinen angewiesen, die von der Nachbarschaft mitbenutzt werden. Fließend Wasser gibt es in den Häuschen der Slums und Armenviertel nicht, den Zugang zu öffentlichen Wasserstellen teilen sich mehrere Haushalte. Über ein Sechstel der Bevölkerung ist ohne Strom. Ein typisches Heim vieler Begünstigter von muslimehelfen ist ein einfacher Lehmbau, der aus einem, manchmal auch zwei Räumen besteht. Möbel sind nicht immer vorhanden. In manchen Häuschen gibt es eine Kochnische, in anderen nicht. Als Dach dient nicht selten nur eine Blechplatte, die kaum vor Regen schützt. Oder das Dach leckt, weil es kaputt ist.

Sein Leben selbst in die Hand nehmen, die Früchte der eigenen Hände Arbeit ernten, das alles klingt gut. Dieses Vorhaben funktioniert jedoch nur, wenn eine Grundstruktur in der Gesellschaft, in der man lebt, vorhanden ist, die das auch ermöglicht und in der es vor allem auch möglich ist zu scheitern.

Indien: Schafe sind meist einfacher zu schächten als Rinder.

Rund ein Drittel aller Inder sind Analphabeten. Doch wer nicht lesen und schreiben kann, hat auch nur begrenzte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Da die Industrie kaum Beschäftigungen für ungeschulte Arbeitskräfte bietet, bleibt den meisten nur, sich Arbeit in der Landwirtschaft zu suchen. Aber solche Arbeiten werden auf dem Land angeboten, nicht in der Stadt. Was bleibt, sind gering bezahlte, einfache Arbeiten für tausende Bewerber. Für jeden, der ausfällt, rücken genügend neue Hände nach. Viele kämpfen sich als Tagelöhner jeden Tag aufs Neue durch und gehen keiner festen Beschäftigung nach. Sie sind nicht versichert, weder gegen Arbeitsunfälle noch gegen Krankheiten, für das Alter müssen sie selbst vorsorgen – manchmal gibt es eine kleine monatliche Rente von 1.000 Rupien, das sind etwa 12 Euro – und im Notfall gibt es keine Sozialhilfe. Frauen erhalten für die gleiche geleistete Arbeit meist erheblich weniger Lohn als Männer. Daher bleiben sie nicht selten zu Hause. Überhaupt werden Frauen in Indien noch immer stark benachteiligt, unabhängig der Kaste oder Religionszugehörigkeit. Wenn sie dann arbeiten müssen, weil ihr Mann zu krank oder verstorben ist, waschen sie die Wäsche ihrer Nachbarn oder besser gestellter Familien, sie erhalten für Putzarbeiten ein geringes Auskommen oder rollen Beedies, eine Art Zigarren, die sie auf dem Wochenmarkt verkaufen. Manche hacken auch Betelnüsse, die gerade von den Ärmsten häufig und gern gekaut werden. Sie sind günstig und halten wach dank einer ähnlichen Wirkung wie Kaffee oder Tee. Dass diese Nüsse unter anderem Mundhöhlenkrebs verursachen können, wissen weder die, die sie hacken, noch die, die sie kauen. In besonders schweren Fällen kann sogar der Kieferknochen betroffen sein.

Wer krank wird oder sich bei der Arbeit ernsthaft verletzt, kann sich nicht einfach ärztlich behandeln lassen. Die medizinische Versorgung ist schwierig für die, die im Monat im Durchschnitt über kaum mehr als 30 Euro verfügen, um ihre mehrköpfige Familie durchzubringen. Es gibt zwar öffentliche Krankenhäuser, aber die Behandlung ist mit der in den teuren Privatkliniken nicht zu vergleichen. Und Apotheker haben nicht gegen alles Mittel. Familien, die bis dahin einigermaßen über die Runden gekommen sind, verkaufen ihren Besitz, manche vielleicht ihr Haus und die kleine Parzelle Land, die ihnen gehörte. Dann beziehen sie ein kleines Häuschen zur Miete. Wer nichts hat, das er verkaufen kann, leiht sich Geld von Nachbarn oder Verwandten – natürlich muss das Geld zurückgezahlt werden.

Wer Schulden hat, hat meist nur zwei Möglichkeiten: Sie langsam zurückzuzahlen oder sie abzuarbeiten. Manchmal wird ein Sohn als Arbeitskraft „verliehen“, der jede Arbeit erledigt, die anfällt. Für dürftige Kost und bescheidene Logis. Es kann Jahre dauern, bis die Schulden abbezahlt sind, vor allem die, die durch Operationen oder andere medizinisch notwendigen Eingriffe verursacht wurden. Andere stottern Monat für Monat von ihrem wenigen Verdienten etwas ab. Solange die Schulden langsam getilgt werden, bleibt kaum etwas übrig für all die anderen Dinge, die auch so wichtig sind. Neue Kleidung ist zu teuer. Die Kinder werden von der Schule genommen. Die Mädchen zuerst. Es geht um Wahrscheinlichkeiten. Söhne bleiben eher bei den alternden Eltern; Mädchen ziehen weg. Und Jungen haben generell wesentlich besseren, wenn auch nicht garantierten, Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und Arbeitsplätzen als Mädchen. Der Glaube spielt da keine Rolle.

Beinahe 80 Prozent aller Inder bekennen sich zum Hinduismus. Muslime stellen rund ein Siebtel der Bevölkerung dar und bilden so die größte Minderheit im Land. Das klingt nicht nach viel, dennoch leben in Indien mehr Muslime als beispielsweise in jedem Land des Nahen Ostens. Nur in Indonesien sind es mehr, sowie in Pakistan und Bangladesch. Weitere Minderheiten sind Christen, Sikhs, Buddhisten, Jains, Parsen, Bahai und Juden.

Dass Hindus kein Fleisch essen, ist weithin bekannt, allerdings nicht ganz korrekt. Die oberen Schichten der Hindus ernähren sich vegetarisch. Doch je weiter man das soziale System nach unten steigt bis hin zu den Dalits, den ehemals „Unberührbaren“, desto mehr lockern sich die strengen Essensvorschriften. Christen, Juden, und Muslimen ist der Verzehr von Fleisch, zumindest aus religiösen Gründen, nicht verboten. Theoretisch könnten sie Fleisch konsumieren, denn nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Rinder wie in Indien. Hinzu kommen Schafe und Ziegen. Schweine werden meist als Nutztiere gehalten. Muslime und viele Hindus essen kein Schweinefleisch.

Rinder gelten den Hindus als heilig. Sie dienen der Landwirtschaft hauptsächlich als Zugtiere; Viehzucht ist ein bedeutender Teil der Landwirtschaft. Wenn sie zu alt geworden sind, werden viele von ihnen in so genannten Goschalas, Pflegeeinrichtungen für altersschwache Rinder, gepflegt und gefüttert. Doch nicht nur ihre körperliche Kraft ist den Menschen nützlich: Ihre Milch wird weiterverarbeitet und verkauft, Kuhdung wird als Dünger geschätzt oder als Brennmaterial verwendet, und selbst wenn ein Tier stirbt, lässt sich seine Haut zu Leder verarbeiten.

Diese Tiere zu schächten, steht in mehreren indischen Bundesstaaten unter Strafe. In einigen Staaten wird bereits der Verkauf von Rindern zur Schächtung mit einer hohen Geldstrafe und mehrjährigem Freiheitsentzug geahndet, in anderen Staaten, wie in Gujarat, stehen
die Schächtung und bereits der Transport von Rindern sogar unter Todesstrafe. Ein entsprechendes Gesetz wurde in 2017 eingebracht. Nur in acht indischen Bundesstaaten ist der Verzehr von Rindfleisch erlaubt beziehungsweise gesetzlich nicht verboten. Daher werden auch kaum Tiere für den Fleischkonsum gezüchtet. Wer als Muslim unter Hindus lebt und ungünstig wohnt, verzichtet lieber darauf, wie auch auf jedes andere Fleisch. Auch am Opferfest; nur um sicher zu gehen. Man möchte die Gefühle seiner Nachbarn nicht verletzten und auch keinen Streit oder gar Unruhen heraufbeschwören. Und gerade letztere werden häufiger.

Indiens Premierminister, Narendra Modi, hat die Gewalt gegen Händler, Milchbauern und die Inder, die Rindfleisch verzehren, zwar verurteilt, aber extreme Geister hören selten zu. „Im Namen der Kuh“ kämpfen Bürgerwehren für das Leben der Rinder – ohne vor Gewalt gegen Menschen zurückzuschrecken.  Allein in 2017 endeten 38 dieser Überbegriffe tödlich für die Angegriffenen.

Trotz all dem konnten im vergangenen Jahr alhamdulillah fünf der 32 Kurbanprojekte in Indien umgesetzt werden. In Assam, Bihar und West Bengalen wurden Rinder geschächtet und in Karnataka und Tamil Nadu Schafe beziehungsweise Ziegen. 4.119 bedürftige Familien hatten die Möglichkeit am Opferfest mindestens eine Mahlzeit mit Fleischbeilage zu genießen. Je nach Ort und Familiengröße wurden zwischen einem und fünf Kilogramm Fleisch an die einzelnen Familien verteilt, wie der von Zubeda aus Hubli in Karnataka. Zubeda ist Mutter dreier Kinder und Alleinverdienerin, seit ihr Mann einen schweren Unfall hatte und nicht mehr arbeiten kann. Seit 2015 erhalten sie zum Opferfest eine Portion Fleisch, weil die Spender von muslimehelfen ihr Kurban spenden. „Meine Kinder lieben Fleisch“, sagt sie. „Am ersten Tag habe ich Reis und Fleisch für meine Kinder gekocht. Am nächsten Tag Kabab. … Das Fleisch, das wir von muslimehelfen bekommen haben, hat unser Fest zu einer wahren Freude gemacht. Ich möchte für die Spender beten, die uns unterstützen. Möge Allah sie noch mehr segnen, damit sie Leuten, wie uns, helfen können.“


Über den Autor/en

Nadya

ist Ägyptologin, war im Fundraising und ist jetzt für Projektadministration zuständig, interessiert sich für Menschen und Kulturen, Sprachen und Geschichte. Sie beobachtet gerne ihre Umwelt und versucht das Geschehen um sie herum von einem anderen Standpunkt aus zu sehen.



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