Emha

Veröffentlicht am 28. März 2012 | by Emha

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Ich bin ein Opfer

Assalamu aleikum, letzten Sonntag saß ich mit meiner Mädelsgruppe vor den Prophetengeschichten und wir suchten für jeden Propheten einen Begriff, damit man sich die Geschichte zum Namen besser merken konnte. Adam (as) als der erste Mensch, Nuh (as), der Prophet mit der Arche usw.. Bei Ismail (as) blieben wir frustriert hängen. Der Begriff, der uns allen sofort in den Kopf kam, war “das Opfer” – denn genau das bleibt für die meisten mit seiner Person hängen: Der junge Mann, der sich bereitwillig als Opfer zur Verfügung stellte, als Allah (ta) es verlangte. Aber etwas hielt uns von dieser Namenswahl ab: die Bedeutung, die dieser Begriff mittlerweile in der Jugendsprache angenommen hat.

Jede Zeit hat ihre eigene Jugendsprache! Wie eine Geheimsprache wird aus dem englischen Temperaturadjektiv “cool”, ein Ausdruck für ein besonders abgebrühtes und angesehenes Auftreten, ein vergammeltes Stück Fleisch, das eigentlich den Fuchs anlocken sollte, steht trotzig auf Mädchen-T-Shirts als Ausdruck provokativer Freizügigkeit (“Ich bin ein Luder”) und das, was vor ein paar Jahren noch hinter vorgehaltener Hand hämisch über übergewichtige Menschen getuschelt wurde, ist heute Ausdruck größter Anerkennung (“fett”). Jugendsprache ist kreativ, provokativ und nicht immer nachvollziehbar – vor allem von jenen jenseits der 20. In den meisten Fällen störe ich mich nicht daran. Es ist Zeitgeist und gehört dazu.

Mit einer Ausnahme, denn nun ist auch der Begriff “Opfer” ins Visier der Jugendsprache gerückt. Im gängigen Gebrauch beschimpft man jene, die sich nicht wehren können oder wollen, verächtlich als “Opfer”. Auf facebook, im Bus im Gespräch wird lachend, mit dem Finger zeigend, jede Person schnell als Opfer tituliert, der eine Schwäche zeigt. Schwäche zeigen ist out. Die Jugend hat gelernt, dass man alles sein darf – nur nicht schwach! “Opfer”- es steht für den unbarmherzigen Druck, den jede Gesellschaftsschicht erlebt: Sei stark oder du wirst zum (Mobbing-) Opfer.

Aber der Trend birgt auch Gefahren: Opfer zu sein, ist nur noch negativ belastet und es wird mittlerweile so inflationär und schnell dahergesagt, dass in meinen Augen, jene Menschen, die tatsächliche Opfer von Gewalt, Verbrechen oder Terror geworden sind, deren Schmerz, Trauer und unsägliches Leid, dadurch mit Füßen getreten wird. “Opfer” wir zu einem respektlosen Ausdruck der Häme und bagatellisiert einen Begriff, der eigentlich höchsten Respekt fordert. Denn Opfer zu sein, kann im schlimmsten Fall sein, tot in einem Parkhaus zu liegen oder für den Wunsch nach Freiheit, Folter, Tod und Vertreibung zu erleben.

Zusätzlich gerät im Rahmen der Bagatellisierung immer mehr aus dem Blickfeld, dass ein Opfer auch eine positive Wortbedeutung haben kann. Es ist das selbstlose Geben für eine gute Sache. Tausende Menschen opfern Zeit, Geld und ihre Kraft für andere: für Dienste, die der Staat nicht übernimmt, für Angebote, die keine Familie sonst bezahlen könnte, für Aufgaben, für die kein anderer mehr Zeit in seinem Leben hat. Ehrenamt, Gemeinnützigkeit oder auch der Begriff der unbürokratischen Nachbarschaftshilfe gehören in diese Kategorie.

Und nicht zu vergessen: Das Opfer im religiösen Sinne! Ismails (as) Beispiel zeigt das ultimative Opfer, das zu keiner Zeit mehr eingefordert wurde. Aber auch wir opfern zum Opferfest, anlässlich der Geburt eines Kindes, beim Einlösen eines Versprechens. Oder wir opfern sinnbildlich wertvolle Zeit für unsere 5 Gebete, opfern gesellschaftliche Anerkennung für das Leben unserer Überzeugung oder opfern unseren Hochmut im Konflikt mit den Eltern.

Auch wenn uns die Jugendsprache “das Opfer” als warnendes Spiegelbild eine unbarmherzigen Gesellschaft vor Augen hält, so bete ich darum, dass “das Opfer” in seiner vielfältigen und tiefgreifenden Bedeutung nicht in Vergessenheit gerät. Dann wäre unsere Gesellschaft wirklich dem Recht des Stärkeren zum Opfer gefallen.

in diesem Sinne, heute etwas nachdenklicher und länger als gewohnt.

wa salam

Eure

Emha

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Über den Autor/en

Emha

Geboren 1985, als Schwester Emha spickt sie ihren Kollegen über die Schulter, erklärt Kompliziertes und Aktuelles aus dem Büroleben und wenn Unterhaltung ansteht, dann ist Emha ganz vorne mit dabei.



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