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Veröffentlicht am 14. Oktober 2019 | by Soufian

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Wie unser persönliches Kälteempfinden das Spendenverhalten beeinflusst

Muslimehelfen leistet mit seinen Projektpartnern Winterhilfe in zahlreichen Ländern. Manche dieser Länder zählen jedoch nicht unbedingt zu den Regionen, die man intuitiv mit einem harten Winter in Verbindung bringen würde. Bei Ländern wie Albanien, Mazedonien oder der Ukraine denkt man sicherlich an ein kaltes Klima, aber die Notwendigkeit der Winterhilfe beispielsweise in Thailand, Vietnam, Indien oder auch in Bangladesch leuchtet womöglich nicht jedem direkt ein. Wie ich jedoch am eigenen Leib spüren musste, kann die Vorstellung und die Realität des Winters teils weit auseinander liegen.

So stammen meine Eltern aus dem Norden Marokkos und haben mir oft davon erzählt, wie kalt es dort im Winter werden kann und dass sich unsere Verwandten dort über Winterjacken und Pullis freuen würden. Ich konnte das jedoch zunächst nicht wirklich glauben, denn für mich war die Heimatstadt meiner Eltern stets ein sonniger Urlaubsort, am dem wir alle paar Jahre wieder unsere Sommerferien verbrachten, um dort zum Strand zu fahren. Wie kalt sollte es dort also schon im Winter werden? Bestimmt nicht so kalt wie hier in Deutschland – dachte ich mir zumindest – und lag dabei sowas von falsch!

Man muss den Winter selbst erlebt haben.

Vor ein paar Jahren bin ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben im Dezember in das Heimatland meiner Eltern gereist und habe gesehen, was der Winter dort bedeuten kann. Zwar sind die Temperaturen in Zahlen gemessen nicht so niedrig, wie man es aus Deutschland kennt, aber die Umstände drumherum verwandeln den Winter in eine bitterkalte Tortur. So sind die Häuser in ihrer Bauweise für den Winter völlig ungeeignet und schlecht isoliert. Eine Heizung besitzt dort schlichtweg niemand. Nur in sehr wenigen Haushalten finden sich kleine Elektroheizungen, die jedoch sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb teuer sind. Während der Nächte kühlen die Wände und die Böden extrem aus und fühlen sich daraufhin an wie Eis. Tagsüber ist es innen sogar kälter als draußen, da zumindest die Sonne bei direkter Einstrahlung für etwas Wärme sorgt. Im Schatten jedoch ist es frostig. Wer winterfeste Kleidung sein eigen nennen kann, trägt sie selbst daheim, samt Stiefeln und Schals, um sich nicht zu erkälten und hüllt sich in Decken. Auch zwei paar Hosen oder zwei paar Socken übereinander werden oftmals gegen die Kälte getragen, sofern man denn genügend Winterkleidung hat.

Mehr Spendenbereitschaft durch gemeinsame Erfahrungen

Und genau das ist der Punkt, der uns von denjenigen unterscheidet, die auf die Winterhilfe angewiesen sind. Wir sind privilegiert. Wir öffnen einfach unseren Kleiderschrank und ziehen unsere Winterkleidung an und drehen bei Bedarf unsere Heizung auf und trinken bei kuschliger Atmosphäre ein warmes Glas Kakao. Dazu kommt noch, dass wir hier immer öfter milde Winter erleben und dabei allzu leicht diejenigen vergessen, die unsere Hilfe brauchen, was wir als Hilfsorganisation auch im Spendenverhalten beobachten. Wir dürfen uns also nicht nur davon leiten lassen, ob wir selbst frieren oder nicht. Genauso wie man nicht nur im Ramadan für Hungernde spenden sollte, während man auf das Essen verzichtet, sollten wir auch für die Winterhilfe spenden, während wir selber vergleichsweise im Warmen sitzen.


Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



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