Projekte

Veröffentlicht am 4. Februar 2020 | by mh-Redaktion

0
Indien: Mugod erhält Nothilfe für sich und seine fünfköpfige Familie.

Gemeinsame Hilfe

Von Nadya Moussa

Wir sind eine Gemeinschaft. In der Not stehen wir einander bei. 1985 wurde muslimehelfen als humanitäre Hilfsorganisation aus der Not heraus gegründet, der Not anderer. Der Zweck von muslimehelfen besteht darin, unseren Mitmenschen, die sich in einer Zwangslage befinden, in Armut oder Bedürftigkeit leben oder in Not geraten sind, beizustehen. Dieser Zweck wird ebenfalls gemeinschaftlich erfüllt: Spender, Mitarbeiter und Partnerorganisationen ziehen gemeinsam an einem Strang.

Wir sind eine Gemeinschaft. Wir, das sind nicht nur wir Muslime, auch nicht nur wir Menschen. Wir, das ist die gesamte Schöpfung Allahs. Unsere große Gemeinschaft teilt sich in kleine Gemeinschaften: Spezies, Kontinente, Länder, Clans, Nachbarschaften, Familien. Wir gehören zusammen und sind von einander abhängig. Wie abhängig, begreifen wir erst ganz langsam. Alles, was auf der Erde geschieht, trifft uns alle. Den einen mehr und unmittelbar, den anderen weniger und vielleicht erst viel später. 

Egal, welche Stürme auch toben und tosen, in unser Heim ziehen wir uns zurück. Dort wähnen wir uns sicher. Doch was, wenn unser Zuhause keinen Schutz mehr bieten kann?

Es begann am 2. August 2019. Sangli, Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts im indischen Bundesstaat Maharashtra, wurde überschwemmt. Sangli liegt in südlicher Richtung knapp 390km von Mumbai entfernt. Starkregenfälle hatten die Fluten ausgelöst. Wohnhäuser wurden unterspült, Straßen überschwemmt, Tausende kamen um, Gebäude wurden beschädigt und teils zerstört. Irrabai überlebte. Sie wurde mit ihrer Enkeltochter aus ihrem unterspülten Haus an einen sicheren Platz gebracht. „Als die Katastrophe eintrat“, erzählt sie, „hatte es in der Stadt stark geregnet. Ich war hilflos. Ich saß mit meiner Enkeltochter auf dem Bett. Unser Haus war vollständig unterspült. Das Wasser stieg bis über meine Hüfte an. Dann kamen Nachbarn und halfen uns nach Draußen.“ In der Nacht des 4. August war das Wasser auf über zwei Meter angestiegen. Zwei Tage später lag der Pegel schon bei über drei Metern fünfzig.  

Regen ist nichts Ungewöhnliches. Viel Regen auch nicht. In vielen Regionen der Erde werden die Jahreszeiten durch den Wechsel von Regen- und Trockenzeiten bestimmt. Im Islam gilt das Mittelmaß als Wegweiser. Nicht umsonst, es beugt Schaden vor. Ein Mittelmaß an Regen und Hitze ist gut. Fehlt eines von beiden, oder gibt es von dem einen zu viel und dem anderen zu wenig, ist das schlecht. Auch, weil die Auswirkungen länger anhalten, als die eigentliche Naturgewalt. Bei Überschwemmungen werden Betroffene aus der Region kurzfristig in sichere, provisorische Unterkünfte evakuiert. Wenn sie zurückkehren, erwartet sie oftmals statt ihres zurückgelassenen Heims nichts. 

So erging es Mugod aus Gokak im Distrikt Belgaum im indischen Bundesstaat Karnataka. Mugod war Fischer. Dreißig Jahre lang lebte er mit seiner fünfköpfigen Familie dort. Er hatte ein Haus und einen Laden, in dem er den Fisch, den er selbst gefangen hatte, feilbot. Weder sein Haus noch sein Laden stehen mehr. Die Flut hat beides mit sich gerissen. Es ist nur die Erhöhung geblieben, auf der sein Haus gestanden hatte. Sie ist aus Stein, Haus und Laden waren aus gebrannten Lehmziegeln erbaut. Er erzählt vom 6. August 2019: „Wir dachten, der Regen wird kommen und wieder gehen. Uns wird schon nichts geschehen. Um 12 Uhr begann es dann ganz heftig zu regnen. Dann hatten wir keine Zeit mehr darüber nachzudenken, was wir mitnehmen könnten. Ich habe alles dort gelassen, um das Leben meiner Familie zu retten.“ 

Die Polizei hatte ihnen geholfen, in einer Schule unterzukommen. Dort versorgte man sie mit Wasser und Essen, das nie für die ganze Familie reichte. Die Kinder fürchteten sich, weil es heftig donnerte. Nach einem Monat dort stellte sich Ernüchterung ein. Die Familie hatte keine Kleidung, sie hatten schließlich nichts mitnehmen können. Es gab keine Waschmöglichkeiten. Für die Frauen war das besonders schwer zu ertragen. Nach einer Woche in der Schule hatten sich zwar einige von ihnen zusammengetan und einen Waschraum aus Lehm errichtet, allerdings ohne Dach. Die Frauen fürchten sich dorthin zu gehen.

Es ist nicht nur Indien, das im Sommer und Herbst 2019 unter starken Regenfällen, Überschwemmungen und Fluten gelitten hat. Allein in Bangladesch, Nepal, Thailand und Kambodscha hat muslimehelfen weitere Fluthilfe finanziert. Insgesamt wurden von Juli bis Oktober 2019 für Fluthilfe in fünf Ländern 301.291,00 € bereitgestellt.

Indien: Eine Schwengelpumpe steht nach der Überschwemmung unter Wasser.

Warum kommt es immer wieder zu extremen Wetterverhältnissen? Denn Regenzeiten beispielsweise sind in Süd- und Ostasien nichts Neues. Diese Regenfälle sind als Monsun bekannt. Vor allem in Küstengebieten und küstennahen Gebieten richten sie Jahr für Jahr teils massive Schäden an. Und immer wieder trifft es diejenigen, die sowieso schon straucheln. Starkregenfälle führen zu Überschwemmungen. Ein großer Teil der von Überschwemmungen und Hochwassern betroffenen Menschen leben in Lehm- oder Holzhütten, die von den Wassermassen wie Spielzeug mitgerissen werden. Trotzdem sind Menschen, Tiere und Pflanzen vom Monsun abhängig. Vor dem Monsun kommt es oft zu Trockenzeiten, die nicht selten Dürren hervorrufen, wie auch dieses Jahr. Vor allem entlang der Ostküste Indiens war es so trocken, dass das Trinkwasser knapp wurde. Ganze Dörfer waren plötzlich menschenleer, weil die Trinkwasserquellen versiegt waren und den Dorfbewohnern nur blieb, ihr Heim zu verlassen. Der Regen, der dann folgte, war zwar ersehnt, stellte sich sehr bald aber als zu viel heraus.  

Was also tun, wenn das eigene Heim keinen Schutz mehr bietet? Was tun, wenn Böden austrocknen, Ernten ausbleiben, Bäume entwurzelt werden, Äste abknicken, Vieh verendet? Was nur tun, wenn tagelanger Regen zu Erosionen, Erdrutschen, Überschwemmungen und schließlich Fluten führt? Die Abholzung von Wäldern zerstört Lebensraum und Nist- und Brutgebiete einheimischer Tiere. Bäume halten aber den Boden fest zusammen. Stürme zogen früher auch im Herbst durch die Landen. Aber da stand noch mehr Wald. Für muslimehelfen lautet die Antwort kurzfristig: helfen, wo Hilfe nötig und möglich ist. Für uns als Gemeinschaft muss die Antwort lauten: Jeder von uns muss seinen Beitrag leisten.

Es braucht keinen Wissenschaftler, um zu verstehen, dass etwas nicht stimmt mit der Welt. Nicht nur politisch ziehen Stürme auf.  Es wird wärmer. Es geht um einen Temperaturanstieg um 1,5 Grad Celsius. Das klingt nicht nach viel. Gemeint ist aber nicht das Wetter, sondern das Klima. Der Weltklimarat – The Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC – warnt. Wir – gemeint sind die Menschen – richten auf diesem Planeten Unheil an und fügen nicht nur Flora und Fauna Schaden zu. Wir schaden uns auch selbst. Großstädte in Asien verschwinden sichtbar im Smog. Selbst in europäischen Metropolen werden Höchstwerte gemessen, die definitiv gesundheitsschädlich sind. Besonders betroffen sind hier wie dort die Schwachen, die Kranken, die Kinder, die Alten, die Schwangeren und die noch Ungeborenen. In einem Artikel des Guardian las man Mitte September, dass Rußpartikel, die Schwangere einatmen, direkt in die Plazenta eindringen. Nachgewiesen wurde ebenfalls, dass Luftverschmutzung Auswirkungen auf jedes menschliche Organ hat; es wurden Nanopartikel in der Blut-Hirn-Schranke genauso nachgewiesen, wie im Herzen und in der Lunge. Seevögel und Wale verenden an Plastikmüll, den Forscher sogar auf dem Meeresgrund gefunden haben.

Es kommt gerade viel auf den Einzelnen zu und es scheint, als ob es keine guten Nachrichten mehr gäbe und jeder mit den Problemen allein dastehe. Vergessen wir nicht, dass Allah der Herr der Welten ist. Er ist der Allmächtige und hat zu allem die Macht. Von jedem von uns verlangt Er nur, dass wir versuchen, uns ein bisschen Mühe geben. Lass die Leugner leugnen. Wichtig bist Du, Dein Beitrag. Sicherlich wird es in Indien nicht plötzlich aufhören zu regnen, wenn eine Person ihren Kaffee zu Hause trinkt statt to go auf dem Weg zur Arbeit. Aber wenn drei Millionen Männer und Frauen ihren Kaffee zu Hause trinken, dann sind das schon einmal drei Millionen Kaffeebecher weniger. 

Jeder von uns weiß, was ihm oder ihr möglich ist, worauf wir als Einzelpersonen verzichten können. Nicht von jetzt auf gleich, aber allmählich, bis wir wieder das Mittelmaß erreicht haben. Gemeinsam. Wir sind eine Gemeinschaft. Und gemeinsam können wir viel ändern. 

Schlagwörter:


Über den Autor/en

mh-Redaktion

Die Redaktion von muslimehelfen berichtet regelmäßig über die Arbeit von muslimehelfen. Informationen zu den Projekten und Kampagnen, aber auch Wissen & Tun Artikel werden im Namen der mh-Redaktion verfasst.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑