Vernetzt

Veröffentlicht am 3. November 2015 | by Soufian

1

Wo bleibt die Gleichberechtigung?


Heute ist Weltmännertag und erst gestern hatte ich ein Meeting in meiner örtlichen Moschee mit dem Gremium der städtischen Frauenkammer. Man muss sich das so vorstellen, dass die Frauenkammer aus mehreren politisch engagierten Damen besteht, die sich dafür einsetzen, dass im städtischen Umfeld Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gelebt wird und spezielle Angebote, Beratungen und Projekte von und für Frauen koordiniert werden.

Nach einer Moscheeführung mit unseren Gästen, hatte ich die Gelegenheit gemeinsam mit zwei Imamen, dem Vereinsvorstand und mehreren engagierten Schwestern unserer Gemeinde über Gleichberechtigung zu diskutieren, Problemfelder anzusprechen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Viele der Herausforderungen dabei sind jedoch nicht ausschließlich im muslimischen Umfeld zu verorten, sondern gesamtgesellschaftlich zu betrachten. Wohlgemerkt findet man besonders im Kontext einer Moschee kulturell bedingt charakteristische Ausprägungen, auf die ich nachfolgend weiter eingehen möchte.

So gibt es in den wenigsten Moscheegemeinden Frauen auf Vorstandsebene. Ich weise noch mal darauf hin um keinen Anschein der Exklusivität zu erwecken, denn auch in Vorständen von nicht-muslimischen Einrichtungen, Unternehmen, Parteien und Kirchen sind Frauen eher die Ausnahme, aber ich möchte nun gezielt und in aller Klarheit über die innermuslimische Gleichberechtigung und Missstände sprechen.

So fasste einer der anwesenden Imame die Situation damit zusammen, dass dies ein inakzeptabler Zustand ist, an dem wir alle gemeinsam arbeiten müssen. Es muss zu einem Umdenken kommen. Gleichzeitig ist dies auch ein Appell an alle Frauen sich nicht mit dieser vorgegebenen Situation zufrieden zu geben, sondern sich durchzusetzen.

Es genügt nicht, dass Frauen in das Geschehen in den Moscheen eingebunden werden oder beratend und helfend dabei sind, sondern wir brauchen Frauen als gleichberechtigte Partner in den Entscheidungsebenen. Nur so können Frauen auch tatsächlich in den getroffenen Entscheidungen vernünftig repräsentiert werden. Natürlich lassen sich viele Ursachen und Ausreden für die vorherrschenden Missstände finden, aber dennoch müssen wir diese tatkräftig anpacken.

Ich kann zum Beispiel gut verstehen, dass sich keine Frau in der jetzigen Zeit ohne weiteres für eine Vorstandswahl aufstellen lässt, wenn bereits der Anteil der Frauen unter den eingetragenen und damit wahlberechtigten Mitgliedern so verschwindend gering ist, dass eine Kandidatur kaum Erfolgsaussichten hat. Folglich müssen sich zunächst mehr Frauen als Mitglieder eintragen lassen, um damit ein Stimmrecht bei Vorstandswahlen zu erhalten oder man müsste auf Satzungsebene das Stimmrecht automatisch auf Ehegatten erweitern. Jedenfalls sollte es keiner Frau genügen, dass ihr Mann bereits ein Stimmrecht hat, während sie keins hat. Mit dieser Haltung geht die Hälfte des Gewichts der Stimmen verloren. Selbst wenn die Männer (und davon geh ich aus) gut gewillt sind, sich auch gerecht für die Interessen ihrer Frauen, Mütter und Schwestern einzusetzen, können sie dies nicht stellvertretend in der nötigen Intensität und Leidenschaft leisten, in der es gebraucht wird um die Gleichberechtigung, wie der Islam es ja von uns fordert, zu erreichen. Es wäre naiv die Gleichberechtigung der Frauen vollständig in die Hände der Männer zu legen. Wenn dies funktionieren würde, dann hätten sich alle Defizite in diesem Bereich bereits aufgelöst. Wir Männer sollten uns mehr darauf konzentrieren den richtigen Rahmen zu schaffen, damit Frauen sich eigenständig und direkt für ihre Interessen einsetzen können, anstelle mit halber Kraft eine vermittelnde Rolle einzunehmen.

Ich verweise dabei gerne auch auf muslimehelfen, da unsere Schwestern den deutlich größeren Anteil in unserem Team bilden und damit große Teile der Verantwortung tragen. Auch kümmern wir uns in unseren humanitären Hilfsprojekten verstärkt um bedürftige Mädchen, Frauen und Witwen. 

Es ist schon komisch, dass ich ausgerechnet am “Weltmännertag” einen Beitrag über Frauenrechte veröffentliche, aber ich sehe ehrlich gesagt keinen Bedarf um über die Rechte der Männer zu sprechen. Vielmehr wünsche ich mir mehr Tatkräftigkeit seitens der Brüder. Aus meiner Erfahrung in der Moschee muss ich sagen, dass das Engagement auf Seiten der Damen mindestens genauso hoch, wie bei den Brüdern und in bestimmten Bereichen, sogar noch deutlich größer ist, obwohl ihre Leistung oftmals im Schatten der männlichen Mehrheit nicht wahrgenommen oder gar erschwert wird.

Wie ist die Situation in Deiner Moschee, im Verein oder auf der Arbeit?

Hinterlasse einen Kommentar!

Schlagwörter: , , , , , , ,


Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



Ein Kommentar zu Wo bleibt die Gleichberechtigung?

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑