Wissen&Tun

Veröffentlicht am 14. September 2015 | by Ibrahim Aslandur

0

Die Symbolkraft des Opferfestes


Haben wir uns schon einmal die Frage gestellt wieso wir vor dem Verrichten des Gebetes eine rituelle Waschung Wuḍūʾ durchführen?

Und auch wenn wir diese Waschung durchgeführt haben, muss diese erneuert werden sobald wir Notdurft verrichten.

Eigenartig scheint doch, wenn man es näher betrachtet, dass man dieselbe Waschung also Hände, Arme, Gesicht, Haare und Füße waschen muss [1], obwohl diese Körperteile durch die Notdurft keinerlei “Verunreinigung” ausgesetzt sind.

Der Grund liegt wohl in der Symbolik der Waschung. Die Waschung ist die symbolische Reinheit nach einer „Verunreinigung“. So ist ein Mensch erst dann “rein” und bereit für das Treffen mit seinem Schöpfer, wenn er diese symbolische Reinheit erlangt.

Auch über die Udhijah- also die Schlachtung eines Tieres am Opferfest– können wir eine ähnliche Symbolwirkung erkennen.

“Weshalb möchte Allah vom Menschen, dass eines seiner Schöpfung geschlachtet wird? Was bringt das? Was ist der Hintergrund?”

Ohne lange über diese berechtigten Fragen zu philosophieren, können wir uns unmittelbar an den Koran, in dem diese Udhijah angeordnet wird, wenden und so die Antwort versuchen ausfindig zu machen.

Also fragen wir den Koran. Genauer: Fragen wir die Verse 26 bis 37 der Surat Al-Hadsch.

Im 26. Vers der Surat Al-Hadsch erwähnt Allah den Propheten Abraham (arabisch Ibrahim).

Wir wissen, Abraham bekam den Befehl seinen Sohn Ismael zu opfern [2]. Als beide, Sohn und Vater, bereit waren dem Befehl Allahs Folge zu leisten, gab Allah seinem edlen Gesandten Abraham den Befehl stattdessen ein Tier zu Opfern [3].
Allah sagt im nachfolgenden Vers: “Wir bewahrten den Namen (Abrahams) unter den künftigen Geschlechtern”[4]
Durch das Opferfest wird der Gesandte Abraham und seine vorbildhafte Lebensgeschichte mindestens einmal im Jahr in das kollektive Gedächtnis der Muslime gerufen.
Diese Geschichte trägt eine großartige Botschaft und die erste Symbolkraft der Udhijah:

Bist du bereit für Allah dein Geliebtes aufzugeben?

Im 28. Vers der Surat Al-Hadsch wird der Befehl ausgesprochen, dass die Pilgernden zur Wallfahrt nach Mekka und Medina ein Vieh schlachten sollen. Dies ist ein Ausdruck des Gedenkens an die Gaben Allahs, die er dem Menschen geschenkt hat. Die Symbolkraft der Opferung des Tieres in der Wallfahrt ist ein Ausdruck der Freude und der feierlichen Stimmung der Pilgernden.
Ähnlich wie in unserer Gesellschaft an Geburtstagen Feierlichkeiten abgehalten werden und Leckereien für Freunde und Bekannte gebacken wird, so wird im Islam zur Freude der Pilgerfahrt Fleisch verteilt.
Die zweite Symbolkraft: Freue dich, indem du Allahs und seiner Gaben gedenkst!

Im 32. Vers derselben Surah erwähnt Allah die sogenannte „Taqwā“.

Zum Kontext: Dieses arabische Wort Taqwā, das einer der zentralen Begriffe des Korans ist, wird oftmals mit “Gottesfurcht” übersetzt. Doch verliert die Bedeutung des Wortes Taqwā seine Tiefe bei dieser eindimensionalen Übersetzung. Taqwā ist ein Bewusstsein, eine Lebenseinstellung. Es ist die Einstellung sich in seinem alltäglichen Leben vor jeglicher sündhafter Übertretung zu schützen und die Grenzen Allahs einzuhalten.

Allah nennt die Opferung eines Tieres zum Opferfest Sha`ā‘ir, also “Symbol, Ritual”. Und weiter erläutert der Erhabene uns wer die Symbole und Gebote Allahs ehrt, dies tut, weil er Taqwā besitzt.
Die dritte Symbolkraft: Wenn du Allahs Sha`ā‘ir nicht ehrst, so stimmt etwas mit deiner Taqwā nicht. Überprüfe dich selbst!

Im 36. Vers der genannten Surah befiehlt der barmherzige Schöpfer das Tier, das mit der Erwähnung seines Namen geschächtet werden muss, zum Teil selbst zu verzehren und einem größeren Teil zurückhaltenden und bettelnden Bedürftigen zu verteilen ist.
Die vierte Symbolkraft: Teile die Gaben mit deinen Mitmenschen.

Im 37. Vers schließt Allah den Abschnitt der Udhijah ab, indem er zusammenfassend sagt: “Es ist weder das Fleisch (eures Opfertieres), noch das (vergossene) Blut, dass Allah erreicht, sondern es ist eure Taqwā, die ihn erreicht.”.

Somit ist die Quintessenz der Udhijah Folgendes:

Nicht das Fleisch, nicht das Blut oder die Anzahl der geschächteten Tiere sind wichtig. Darum geht es nicht! Die Bindung des Menschen zu Allah steht im Fokus. Das Tier wird geschächtet, verzehrt und ist somit nicht mehr existent. Die langfristige Opfer sind die Aufopferungen des Menschen, die er sein ganzes Leben bereit ist für seinen Schöpfer aufzubringen.

Wer das Opferfest bewusst erlebt, erfährt die Nähe zu seinem Schöpfer und erlernt die Bereitschaft zur Aufopferung.

[1]              5:6

[2]              37:102

[3]              37:107

[4]              37:108

kurban_banner

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,


Über den Autor/en

Ibrahim Aslandur

1992 im beschaulichen Karlsruhe geboren. Nach dem Abitur im Jahre 2011 absolviert er im Rahmen seines Studiums der Islamsichen Theologie einen Intensivkurs der arabischen Sprache in Kairo. Gegenwärtig führt er sein Studium in Istanbul an der Marmara Universität fort.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑