Stilleben Glaube, Zuversicht, Freiheit, muslimehelfen

Veröffentlicht am 7. September 2012 | by Nadya

0
Der Tag des Falken

Der Tag des Falken

Es ist Morgen. Die Zugfahrt ist lang – na ja, je nachdem was man unter lang versteht. Vorbei an Feldern und Orten steuert mein Zug seinem Ziel entgegen. Die Sonne ist längst aufgegangen und leuchtet orange und rund am Firmament. Vereinzelte weißblaue Spuren vorbeiziehender Flugzeuge zieren den sanft blauen Himmel. Sonst ist er frei.

Wie kleine, zitternde Punkte flattern aufgeregte Schwalben in Schwärmen durch die Luft. Ihr Aufbruch naht. Ein Schwarm steigt unerwartet und mächtig über den vereinzelten Bäumen auf, die sich schwarz in der Ferne erheben. Wie eine einzige Welle ziehen die Schwalben an mir vorbei. Geschmeidig und ästhetisch bewegen sie sich in vollendeter Präzision und Leichtigkeit. Währenddessen rollt mein Zug unbeirrbar weiter. Über einem dunklen Acker heben und senken sich Raben – jeder für sich. Ein Tier lässt sich treiben in einem Sog oder Windhauch, den ich nicht sehe, aber spüre.

Vor ein paar Tagen saß ich auch im Zug und schaute gerade von meinem Buch auf, als ein Falke, vielleicht war es auch ein Merlin oder ein Bussard, vor mir auftauchte. Für einen Moment schien er zu schweben. Früher, als ich jünger war und die Welt noch unschuldig, war mir so etwas nie aufgefallen. Manchmal denke ich, ich war blind.

Ereignisse müssen nicht groß sein, um bedeutend zu sein. Dieser Falke – ich nenne ihn jetzt einfach so – vollführte eine nahezu perfekt geplante Kür, die so in Leichtigkeit und Eleganz gehüllt war, dass mir nur ein Wort einfiel: SubhanaAllah! Ich musste an den Koranvers denken, in dem Allah die Menschen fragt, ob sie denn nicht sehen würden, dass Er es ist, Der die Vögel in der Luft hält, wenn sie zu schweben scheinen. Und ob die Menschen denn nicht begreifen würden, dass alles von Ihm abhängt und Er zu allem die Macht hat. Ich habe leider die Stelle nicht im Kopf, Zahlen sind nicht meine Stärke und ich erinnere mich irgendwie nur an die Dinge, die ich sonst nie wieder brauche.

Dieser Falke also tat eigentlich nichts Besonderes.  Der Falke glitt an meinem Fenster vorbei. Er war da, weil ich in dem Moment auch da war. Ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube, alles was geschieht, wie es geschieht, wann und wo, ergibt einen Sinn, weil es einen Sinn hat! Er glitt also in der Luft und schien zu schweben. Doch plötzlich schoss er, als hätte es ihm jemand befohlen, wie ein Pfeil senkrecht gen Boden, nur um abrupt kurz davor inne zu halten und sich wieder in den Schwebezustand zu ergeben. Es war ein unglaubliches Schau-Spiel, das damit endete, dass er schließlich wohl erfolgreich gewesen war.

Was ich damit ausdrücken möchte, ist Folgendes: Man weiß nie genau, worin etwas Gutes steckt. Es kann etwas ganz Banales, fast Alltägliches sein, wie der Falke. Wir sollten die Augen öffnen und die Welt in uns aufnehmen. Sie hält Wunder bereit. Wenn wir traurig sind, kann es uns trösten. Und wenn wir glücklich sind, können wir davon erzählen.

Schlagwörter: , , , , , , ,


Über den Autor/en

Nadya

ist Ägyptologin, war im Fundraising und ist jetzt für Projektadministration zuständig, interessiert sich für Menschen und Kulturen, Sprachen und Geschichte. Sie beobachtet gerne ihre Umwelt und versucht das Geschehen um sie herum von einem anderen Standpunkt aus zu sehen.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑
  • muslimehelfen Aktion

  • Fans

  • Neu

  • Autoren


    mh-Redaktion

    Nadya

    Dua

    Soufian