Wissen&Tun Ramadan

Veröffentlicht am 22. Mai 2017 | by Soufian

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Berechnung vs. Sichtung


Verzeih mir den Ausdruck, aber es ist jedes Jahr dasselbe Theater. Es wird gestritten und gestritten. Besonders online. Das Ganze auch noch in einer Art und Weise, in der es bei Weitem nicht darum geht Wissen zu erwerben und jemanden mit Argumenten zu überzeugen, sondern mit einer Sturheit sondergleichen, die man wohl nur im Internet findet. Sheikh Google lässt grüßen. Es wird beleidigt, Takfir betrieben und die muslimische Gemeinschaft gespalten ohne die Argumente der Gegenseite überhaupt zu kennen. Ein toller Start für den Monat der Vergebung. Möge Allah uns allen vergeben! Ich bin es schlichtweg leid, wie diese Streitereien ausarten.

Zunächst sei gesagt, dass es in Zweigfragen durchaus mehrere verschiedene korrekte Lösungen geben kann und es wichtig ist auch mit anderen Standpunkten respektvoll umzugehen, egal ob Du nun ein Verfechter der Berechnung oder der Sichtung des Mondes bist. Selbst die Prophetengefährten waren sich in Details nicht immer über alles einig, diskutierten jedoch in ehrwürdiger Weise und gerade diese Meinungsunterschiede bieten im jeweiligen Bereich Flexibilität für die Ummah.

Wie kommt es aber überhaupt zu verschiedenen Terminen? Es gibt ja schließlich nur einen Mond, richtig?

Das stimmt natürlich, aber es gibt verschiedene Ansichten darüber, wie man den Mond zu sichten hat.

  • Muss man den Mond etwa mit bloßem Auge sehen?
  • Darf man einfache optische Hilfsmittel, wie zum Beispiel Ferngläser, einsetzen?
  • Können wir auch ein modernes Observatorium dafür nutzen?

Und dann gibt es noch die grundsätzliche Unterscheidung, ob die Sichtung nun eine lokale oder eine globale Verbindlichkeit hat. Bei der lokalen Sichtung ist weiterhin zu klären in welcher Region eine Gültigkeit besteht. Teils mischen dann noch politische Interessen mit oder es wird sich aus verschiedenen Gründen nach bestimmten Ländern gerichtet. Für manche ist die Sichtung Saudi-Arabiens oder ihrer jeweiligen Heimatländer, wie z.B. der Türkei oder Marokkos, maßgebend. Ironischerweise finden sich ausgerechnet unter den saudischen Gelehrten viele, die eine lokale Sichtung befürworten. Dazu kommen auch noch verschiedene Zeitzonen, die Wetterbedingungen und mögliche Fehler bei der Sichtung.

Aber selbst wenn alle nach der Sichtung gehen würden, wäre wegen der eben genannten verschiedenen Meinungen und Faktoren noch lange nicht gewährleistet, dass alle weltweit am gleichen Tag mit dem Fasten beginnen.

Losgelöst von der Sichtung gibt es die Möglichkeit der Berechnung, mit der wir uns Wissen über die Mondsichel aneignen.

Was ist nun ausschlaggebend? Die tatsächliche Sichtung oder das Wissen? Der Quran gebietet lediglich das Fasten und äußert sich nicht explizit dazu, ob nun die Sichtung oder das Wissen den Anfang des Ramadans markiert. Wir lernen jedoch auch aus dem Quran, dass sich der Verlauf der Himmelskörper prinzipiell berechnen lässt, so wie wir beispielsweise auch die Gebetszeiten im Voraus berechnen. Damit wird zwar nicht vorgeschrieben, dass Ramadan zu kalkulieren ist, aber zumindest wird bestätigt, dass eine astronomische Bestimmung der Himmelskörper möglich ist. So müssen wir also auf die Sunnah blicken, die in dieser Angelegenheit nicht ganz eindeutig ist. Die Gelehrten ziehen aus den einschlägigen Hadithen verschiedene Argumente für und gegen die jeweiligen Ansichten, die ich hier nicht in voller Gänze darstellen kann. Zusammengefasst wird sprachlich, inhaltlich und mit dem Sinn und Zweck der Aussagen argumentiert. Für jede dieser Argumentationen finden sich zahlreiche namenhafte Gelehrte, die es zu respektieren gilt. Wer sich dessen bewusst ist, der kommt auch nicht auf die Idee mit jemandem darüber zu streiten.

Wie sollte man nun praktisch damit umgehen?

  • Mit dem Wissen, dass beide Ansichten legitim sind, empfehle ich Dir Dich guten Gewissens nach der Moschee zu orientieren, die Du für gewöhnlich besuchst. Egal ob die Moschee nun nach globaler bzw. lokaler Sichtung oder nach Berechnung geht, denn mit dieser Moschee wirst Du Tarawih beten, mit dieser Moschee wirst Du fasten und mit dieser Moschee wirst Du am Ende des Ramadans feiern. Stifte also keine Spaltung innerhalb einer Gemeinde. Die Entscheidung ist damit übertragen auf die Verantwortlichen. Deckt sich die Entscheidung der Moschee mit Deiner Ansicht? Alhamdulillah. Tut sie das nicht, kannst Du ihr dennoch folgen, denn der Zusammenhalt der Gemeinschaft geht vor. Im deutschsprachigen Raum gehen die meisten Moscheen übrigens, zum Zwecke der Koordination, vereint nach der Berechnung und beginnen am Samstag, 27. Mai 2017 mit dem Fasten.
  • Mach Dir mehr Gedanken darüber, wie Du den Ramadan beginnst als wann Du ihn beginnst. Was nützt es einem zwar am vermeintlich richtigen Tag mit dem Fasten zu beginnen, aber gleichzeitig unnötig der Grund für Streiterei zu sein?

Ich persönlich hoffe, dass sowohl die tatsächliche Sichtung als auch die Berechnung auf den selben Tag hinauslaufen und sich jegliche Streiterei damit erübrigt und wir alle gemeinsam fasten können. Unabhängig davon wann für Dich Ramadan ist, bete ich darum, dass Allah Dein Fasten annimmt. Nur Allah weiß es mit Gewissheit.

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Über den Autor/en

Soufian

86er Baujahr, Social Media Fuchs mit juristischem Background, marokkanischen Wurzeln und einer starken Bindung zur Moschee. Im Community Management von muslimehelfen tätig und bietet zwischen Fans und Followern Einblicke in die Gedankenwelt eines Admins.



Ein Kommentar zu Berechnung vs. Sichtung

  1. Ali

    Salam alaikum !
    Wann wird es heute Abend nach Sichtung bekannt geben ,ob es morgen Montag 6.06.16 oder übermorgen 7.06.16 Ramadan oder nicht ?
    Barat Allah fiek

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